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Für Leser, nicht für Überflieger

Ein Arbeitsloser in Bremen produziert eine ungewöhnliche Zeitschrift: 'Klein Mexiko'

        

Das meinen andere:

 
 
Von Eckhard Stengel (Bremen)

Dieser Mann macht Zeitungsjournalisten neidisch: Hätte man doch auch mal so viel Zeit, um an einem Thema zu recherchieren - und dann so viel Platz, um alle gesammelten Erkenntnisse auszubreiten! Jan Frey kann das alles, denn er ist sein eigener Verlags- und Redaktionschef. Seine Zeitschrift erscheint erst dann, wenn sie fertig ist und der Umfang richtet sich danach, wie lang die Texte geraten sind.
Klein Mexiko heißt das Blatt, das eine der ungewöhnlichsten Zeitschriften Deutschlands sein dürfte. Trotz seines Namens handelt es nicht von fernen Ländern, sondern vom Alltag in Bremen. Von namenlosen Bürgern, denen sonst kaum einer zuhört. Frey wohnt selber in einer Armensiedlung aus den Zwanziger Jahren. In besseren Kreisen wurde sie einst als 'Klein Mexiko' verspottet - wegen der etwas exotischen Verhältnisse und der revolutionären Gesinnung vieler Bewohner.
Mit seiner Zeitschrift will der 47-Jährige dazu beitragen, dass den Lesern 'manches Fremde weniger spanisch oder klein-mexikanisch vorkommt'. Die Hefte konzentrieren sich jeweils auf ein Thema: Das Erstlingswerk von 1997 ließ Einwanderer aus der Türkei zu Wort kommen, Nummer Zwei trug den Titel 'Alte Menschen in der Vorstadt', und die jüngste Ausgabe beleuchtet den Alltag von Süchtigen.
Das Blatt im A4-Format strahlt mit seinem schreibmaschinenähnlichen Schrifttyp den Charme einer besseren Schülerzeitung aus. Meist nüchtern, unaufgeregt und akribisch protokolliert Frey darin zum Beispiel einen Rundgang mit einem Straßensozialarbeiter. Er interviewt Drogenbetreuer und Polizisten ebenso wie Süchtige auf ihrem Straßentreff, und auch genervte Anwohner finden Gehör.
Alles in Allem kommen so 72 Seiten zusammen, die Frey mit eigenen Fotos illustriert. Wer seine Hefte studiert, braucht langen Atem. Frey schreibt 'für Leser, nicht für Überflieger'. Dafür wird man mit Einblicken in eher fremde Welten belohnt - und staunt manchmal über Freys Beobachtungsgabe und Stil.


 
Der ist bisweilen fast literarisch mit Sätzen wie 'Ich blicke in ein ziemlich volles Gesicht ohne Spuren von Auszehrung'.
Viereinhalb Monate lang hat Frey das Material für das aktuelle Heft gesammelt und in seinem 14-Quadratmeter-Dachzimmerbüro aufbereitet. Er ist aber nicht nur alleiniger Redakteur, sondern auch Setzer, Layouter, Anzeigenchef, Vertriebsleiter und Verleger. Nur den Druck überlässt er Profis. Beim Vertrieb der jeweils 500 bis 1000 Exemplare bedient er sich zwar einzelner Buchhandlungen und Tabakläden, aber vor allem tritt er auch hier selber in Aktion: als Straßenverkäufer vor dem Supermarkt - fast wie die Zeugen Jehovas.
Bei fünf Mark Verkaufspreis ist kein großes Geld zu verdienen. Das dürfte Frey auch nicht, denn er bezieht Arbeitslosenhilfe. Eigentlich ist er erwerbsloser Germanistik- und Sozialkundelehrer mit Zusatzqualifikation Betriebswirtschaft. Bei einem Job in einem Ingenieurbüro konnte er sich mit Textsatz und Seitengestaltung vertraut machen: Rüstzeug für seine aufwendige Freizeitbeschäftigung von heute.
1990 lag der Ostfriese im Krankenhaus - und fragte sich wie der Hauptmann von Köpenick: 'Wat haste jemacht mit deim Leben?' Nein, ewig im Ingenieurbüro sitzen, das sollte es nicht sein. Als er 1996 seinen Job verlor, widmete er sich fortan seinem publizistischen Kleinprojekt.
Leserreaktionen bekommt er selten: pro Heft ein Brief. 'Aber bei den Junkies bin ich sehr wohl gelitten', sagt er. 'Die haben das sehr respektiert, dass sich jemand im bitterkalten Winter zwölf Stunden lang dahingestellt hat, sich für ihr Leben interessiert hat und alles getreu aufgeschrieben hat.' Als Anwalt oder Sprachrohr sieht er sich jedoch nicht: 'Ich will das Leben in all seinen Widersprüchen so darstellen, wie es sich mir darbietet.'

Weitere Artikel zum Projekt allgemein:

taz bremen vom 20.03.2000

Weser-Kurier vom 05.09.2000

(Menschen Machen Medien, 1/2 2001)

Weser-Kurier vom 26.08.2004

TAZ Nord vom 08.02.2007

        
'Muss man Porträts über alle Haltestellen der Straßenbahnlinie 1 lesen? Nein. Muss man wissen, wie es den Katzen von Christine Cimbal-Marocke seit 1995 ergangen ist? Auch nicht. Ist es von allgemeinem Interesse, wie ein Tag im Spielkreis der Alt-Hastedter Kirchengemeinde verläuft, wie die Leiterin und Eltern der dort betreuten Kinder denken? Für die Nachbarn und die Betroffenen sind Beschreibunges dieses Alltags vielleicht interessant - aber sonst?
Den Bremer Autoren Jan Frey können solche Fragen, ja die Infragestellung seines seit 1997 kontinuierlich anwachsenden publizistischen Lebenswerks nicht anfechten.'

Vom Alltag in den Vorstädten von Peter Groth im Weser-Kurier vom 26.08.2004
 
 
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