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Folge 01/2003, Bremen, den 01.01.2003 (Nr. 80)
        
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28.12.2002
Nach der Kathedrale des Geldes werde ich heute auf meiner akustischen Pilgerreise wieder einen Konsumtempel besuchen, einen großen Verbrauchermarkt mit etwa 3500 qm Verkaufsfläche.
 
Die ersehnte Ruhe, um konzentriert lauschen zu können, findet der Pilger in diesen heiligen Hallen nur schwer: Kein Platz ist zu finden, an dem er sich niederlassen kann. Mir bleibt nichts anderes übrig, als gelegentlich stehen zu bleiben, mich mit den Ellenbogen auf den Griff des Einkaufswagens zu stützen, die Augen zu schließen und zu lauschen.
 
Freilich muß ich mir dazu einen Ort suchen, an dem ich anderen Leuten nicht im Wege bin, die mit ihren großen Einkaufswagen durch die relativ engen Gänge schieben. Keinesfalls darf ich mich direkt vor ein Regal stellen, sonst könnten die anderen KundInnen ja nicht zugreifen wie sie möchten. Glücklicherweise gibt es in dieser großen Halle ein paar freie Plätze, an denen ich anderen nicht im Wege stehe. Aber selbst dort fällt es mir schwer, aus der Rolle zu fallen und mich dem pausenlosen Wagenschieben und dem Mit-offenen-Augen-Suchen zu widersetzen.
 
Was höre ich, wenn ich mich dennoch widersetze? Es wäre verhältnismäßig still hier, wenn nicht diese ständige Musikberieselung da wäre: Die Menschen schieben ihre Wagen stumm durch die Gänge. Nur wenige KundInnen sind nicht allein gekommen. Sie beraten sich mit ihren PartnerInnen über den Einkauf. Aus der Abteilung 'Wein & Sekt' hört man, wie ratschend die Kartons aufgeschlitzt und klirrend die Flaschen ins Regal gestellt werden. Aber auch diese Geräuschkulisse ist nicht wirklich laut.
 
Jedoch die Musik aus den etwa vierzig Lautsprechern in der Halle übertönt jede mögliche Stille: Man kann in den Gängen keine sechs Schritte gehen, ohne sich einem solchen Lautsprecher zu nähern. Meistens wird getragene, romantische Schlagermusik über die KundInnen ausgegossen. Im Gedächtnis bleiben mir Sätze wie 'Wie viele Stunden hat die Nacht? Es gibt für uns nur Liebe pur.' oder 'Lächelnd sagst du: Geh noch nicht nach Haus.'(!!!) Viele Texte sind aber englisch. Der Inhalt ist unwichtig. Man versteht ohnehin nur einen Teil. Viel wichtiger ist der Rhythmus. Er ist größtenteils gemäßigt. Er inspiriert - mich jedenfalls - nicht zum Trab, sondern zum gemächlichen Schlendern.
 

[M]

 
Immer wieder mal wird Produktwerbung eingestreut. Da befragt sich eine Frauenstimme halblaut selbst: 'Worauf habe ich Lust?' Sie entscheidet sich für eine Joghurtcreme. Eine andere freundliche Frauenstimme ermutigt das Publikum: 'Verwöhnen Sie sich!' Dann preist sie irgendwelche Produkte an und beruhigt die Leute am Ende: 'Sie sparen bares (Was sonst?) Geld. Nutzen Sie dieses Angebot!'
 
Ein Rezept wird durchgesagt. Natürlich kann man es sich nicht merken. Aber gottseidank wird noch die Ware genannt, auf deren Verpackung man alles nachlesen kann.
 
Mit wilder Musik und düsterem Klang in der Stimme wird verkündet: 'Die Welt steht im Wandel. Die Bösen haben sich vereinigt.' und 'Nicht alle Bewohner von M. sehen einen Sinn darin, sich dem Bösen zu widersetzen.' Erst ganz an Ende wird klar, dass es sich um eine Werbung für einen Kinofilm handelt.
 
Ein wenig später springt das 'XYZ-Radioooo' mit 'Nachrichten immer zur vollen Stunde' an. Es berichtet von den unvermeidlichen Rückschlägen im Kampf gegen das 'Böse' in der realen Welt. Im Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan ist ein Hubschrauber der Bundeswehr abgestürzt. Sieben Tote sind zu beklagen. In Grosny haben Selbstmordattentäter sich und andere Menschen in die Luft gesprengt. Nur an der Geburt eines Klonbabies, vielleicht auch ein Werkzeug des 'Bösen', hat man noch Zweifel.
 
Ich fahre zur Kasse.


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