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Nr. 1/2007, Bremen, den 6.1.2007, Nr. 229  10 Jahre Jan Frey, Verlag: Danksagung

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Großstadt-Begräbnis
Big-city funeral  English version 

        
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Der Mensch ist ein Halm im Wind.

Herr K. war weit über neunzig Jahre alt, als er vor einigen Wochen starb. Seine Frau war schon lange tot. Kinder gab es nicht. Ich war auf seiner Beerdigung. Aber das war eigentlich keine Beerdigung, sondern nur eine Trauerfeier. Denn ich habe nicht gesehen, wie der Sarg mit dem toten Herrn K. in die Erde gesenkt wurde.
 
Ich war auch nicht in einer Kirche, sondern in einem Beerdigungsinstitut. Dieses Institut war ein mittelgroßes weißgestrichenes Haus. Hinter dem Haus befand sich ein ziemlich großer Parkplatz. Als ich eintraf, stiegen gerade einige Männer und Frauen im Greisenalter aus einem Auto. Ein Mann sah dem Toten sehr ähnlich. Es mußte sich um seinen Bruder handeln. Ich sagte dem Bruder, der Tote habe einiges Gute an mir getan, deshalb sei ich hier.
 
Ich folgte den Familienangehörigen. Im Flur des Hauses empfing uns ein glatzköpfiger Herr im mittleren Alter. Er trug einen grauen Anzug, ein unauffälligen Schlips und das zufriedene Dauerlächeln eines Mannes, zu dessen Geschäften es gehört, Trauergäste zu empfangen, sie für eine kurze Zeit zu Gast zu haben und sie hernach wieder zu verabschieden.
 
Ich gelangte in einen kleinen, hellen, fensterlosen, getäfelten Saal. Rechts und links von einem Mittelgang befanden sich mehrere Stuhlreihen. Der Sarg war am Kopfende des Raumes aufgestellt worden. Um den Sarg herum standen Blumen und Kerzen. Es ertönte getragene, sehr künstlich klingende Musik von einer elektronischen Orgel. Da keine Orgel und kein Organist zu sehen waren, konnte man annehmen, dass die Musik vom Band kam.
 
Ich saß in einer der letzten Reihen. Es hatten sich schätzungsweise dreißig Menschen versammelt. Der glatzköpfige Herr lief gemessenen Schrittes umher, um nach dem Rechten zu sehen. Irgendwann trat ein Herr mittleren Alters im leicht zerknitterten Anzug an die Angehörigen heran, die in der ersten Reihe saßen, und stellte sich als Geistlicher vor. Dann verschwand er wieder.
 
Ich hatte Zeit mich umzusehen. Ich sah einige Nachbarn des Toten. Unter ihnen waren ein Arzt, ein Handwerksmeister, dessen Frau vor nicht allzu langer Zeit gestorben war und eine weitere Nachbarin. Diese Nachbarin kümmert sich ziemlich intensiv um ihre kranke, alte Mutter. Die Pflegerin des Toten lief mit verweinten Augen herum. Die meisten anderen Menschen kannte ich nicht.
 
Friedofsstilleben
 
Schließlich kam der Geistliche wieder herein. Er trug nun ein Priestergewand. Er stellte sich still neben den Sarg. Die Musik vom Band lief immer weiter. Als sie endlich aufhörte, begann der Geistliche religiöse Texte und Gebete zu sprechen. Seine Predigt ging fast nicht auf das Leben und die Persönlichkeit des Verstorbenen ein. Sie war eine Aneinanderreihung allgemeiner symbolischer Aussagen über das menschliche Leben und den Tod. Ich erinnere mich lediglich an einen Satz ,der seiner langjährigen Tätigkeit in einer Fabrik galt. Gegen Ende der Feier wurde die Trauergemeinde das einzige Mal zu einer Aktivität aufgefordert. Der Geistliche bat die Menschen, sich von ihren Plätzen zu erheben und das Vaterunser zu sprechen. Ferner lud er im Namen der Angehörigen die Trauergäste zum Mittagessen in ein nahegelegenes Restaurant ein Danach löste sich die Versammlung auf. Vor der Tür des Saales tauchte der Mann mit dem Dauerlächeln wieder auf.
 
Als ich nach draußen ging, sah ich den Geistlichen im Flur stehen. Er stand dort ein wenig so wie unser Dorfgeistlicher früher nach dem Gottesdienst vor der Kirchentür. Aber sein Blick war unsicher, er wirkte verloren und gestresst.
 
Vor dem Beerdigungsinstitut wechselte ich mit dem Arzt noch ein paar Worte über den Toten. Ein Nachbar des Verstorbenen bot mir an, mich im Auto mitzunehmen. Doch ich war froh, auf den Parkplatz hinter dem Haus gehen zu können und meinen Drahtesel besteigen zu können.
 
Auf dem Parkplatz stand in einer Ecke ein Kleintransporter des nahegelegenen Friedhofsbetriebes. Eine junge Frau in Arbeitskleidung lehnte sich an die Hecktür. Sie hatte den Hintereingang des Beerdigungsinstitutes im Blick.

Grabinschriften auf dem Osterholzer Friedhof

Grabsteine von aufgehobenen Grabstellen

Plakat zu einer Messe für alte Menschen

Bitte lesen Sie auch Charles Dittmeiers Tagebuch-Artikel vom 11./ 12. Oktober 2005 über ein chinesisches Begräbnis in Phnom Penh. Der Link führt auf den letzten Artikel des Jahres. Bitte nach unten scrollen!

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Donnerstag, den 1.2.2007
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