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Nr. 1/2012, Bremen, den 8.1.2012, Nr. 341,   15 Jahre Jan Frey, Verlag: Danksagung

Foto-Notizblock: Sturm, Regen und Entgrenzung


        
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ALLTAG IN BREMEN
FOLGE 001-12:
FOTO-NOTIZ- BLOCK: STURM, REGEN UND ENTGRENZUNG




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Noch vor wenigen Jahren waren praktisch alle Büroarbeiter räumlich an den Arbeitsplatz gebunden. Heute ermöglichen Internet und Laptop das Arbeiten an nahezu jedem Ort der Welt. Arbeitszeitforscher sprechen in diesen Zeiten, in denen E-Mail und Smartphone auch in der Freizeit allgegenwärtig sind, von einer 'Entgrenzung der Arbeit'.

DER SPIEGEL 4/2011: Volk der Erschöpften

 
Dieses Foto habe ich am 4.1.2012 am frühen Morgen aufgenommen - mit meiner neuen, kleinen Digitalkamera, die ich jetzt fast immer mit mir führe. Es zeigt eine Szene in einer Eisenbahnunterführung. Die Wände der Unterführung und die unmittelbare Umgebung sind mit Werbeflächen ‚gepflastert'. Eine Plakatwand hat sich aus ihrer Verankerung gelöst und ist auf den Fußweg und teilweise noch auf den Radweg geweht. Die beiden seitlichen Rahmen der Plakatwand sind abgebrochen. Die Werbefläche ist nicht mehr zu sehen, dafür erkennt man , dass die Plakatfläche auf der Rückseite durch Latten verstärkt ist. Die Ursache für das Abbrechen der Konstruktion ist vermutlich der starke Sturm gewesen, der in jener Nacht herrschte. Der Sturm war von ergiebigem Regen begleitet. Davon zeugt die Tatsache, dass ein großer Teil der Fahrspur, die an den Radweg grenzt, unter Wasser steht. Auffällig ist weiterhin, dass - abgesehen vom Licht des Blitzes - viele Lichtquellen zu sehen sind. Die Unterführung wird durch zahlreiche Lampen beleuchtet, von denen sich einige im Wasser auf der Fahrbahn widerspiegeln. Der kleine Bogen von drei Lichtpunkten am oberen, mittleren Bildrand sind Lampen der Straßenbeleuchtung und lassen den Verlauf der Straße bis zur nächsten großen Kreuzung erahnen. Unterhalb dieses Bogens sieht man eine Ansammlung von größeren Lichtpunkten Sie markieren den Bereich jener Kreuzung, an der sich eine große Tag- und Nachttankstelle und die Filiale eines Lebensmittel-Discounters befindet, die ihre Pforten gegenwärtig morgens um 7:00 Uhr öffnet und erst um 21:00 wieder schließt.
 
Das Bild spiegelt einiges wider von dem, was mein Landkind-Lebensgefühl in der Stadt gegenwärtig ausmacht. Zunächst einmal irritiert es mich, dass es in diesem Winter zwar viel Regen, aber keinen wirklichen Frost gegeben hat. Ferner war in den Tagen um das Aufnahmedatum herum viel Sturm zu verzeichnen.
 
Ich erinnere mich das Ende eines Winters in meiner Kindheit: Der Schnee schmolz und gab die Erde mit ihrem besonderen Geruch wieder frei. Ich fühlte mich auch ein wenig erlöst von der langandauernden Kälte. Jetzt aber fehlt mir genau diese Kälte und die Erlösung davon.
 
Durch den fehlenden Frost geraten auch natürliche Vorgänge aus dem Takt. Wir haben in unserem kleinen Hintergarten einen Gemüsegarten in Töpfen. Normalerweise ist zu dieser Jahreszeit die Petersilie längst verschwunden, weil sie erfroren ist. Sie gedeiht aber noch munter. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meiner frühen Kindheit eine Beleuchtung an der Straße vorhanden war, an der mein Elternhaus stand. Diese Straße war gewissermaßen die Hauptstraße und stark befahren. Von der Hauptstraße gingen zahlreiche, kleine Nebenstraßen und Wege ab, an denen zum Teil nur vereinzelt Häuser standen, deren Fenster wenigstens einen Teil der Nacht erleuchtet waren. In diesen Wegen und kleinen Straßen war es dann richtig dunkel. Es gab zwar irgendwann im Dorf eine Zeitlang zwei Tankstellen. Sie waren aber nachts geschlossen.
 
Im Dorf gab es zu meinen Kinderzeiten keine Plakatwände und somit auch keine in undurchschaubarem Rhythmus wechselnden großflächigen Werbe-Botschaften.Diese Botschaften wurden in Schwarz-Weiß über die Zeitung verbreitet, vielleicht noch mit Sprache und Musik über das Radio. Ich kann mich noch an eine lange Zeit in meiner Kindheit erinnern, in der wir kein Fernsehgerät hatten. In dieser Zeit wurde das Familienleben auch nicht durch den Beginn irgendwelcher Sendungen strukturiert, die womöglich noch durch Werbung unterbrochen wurden. Die allgegenwärtige, bunte Werbung ist für mich somit auch etwas, das sich in mein Leben gedrängt und den Blick verstellt hat. Das wird mir aber erst so recht bewußt, wenn diese Werbung einmal im Wortsinne aus‚fällt'.
 
Letztlich hat jenes Bild bei mir ein Nachdenken über eine fortschreitende Entgrenzung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens in Gang gesetzt, die die Zonen der Werbung, des Konsums und der Produktion zeitlich und räumlich immer mehr ausweitet. Und am Ende wundert es mich nicht mehr, dass die Welt heißläuft.

Bitte werfen Sie auch einen Blick auf Charlie Dittmeiers kleinen Bericht über Arbeit in Kambodscha.

 
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Samstag, den 21.1.2012

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