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Nr. 2a/2007, Bremen, den 1.2.2007, Nr. 230  10 Jahre Jan Frey, Verlag: Danksagung

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Begegnungen 6a
Entcounters 6a  English version 

        
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Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Matthäus 4,4

Ich wußte schon lange, dass es diesen Ort gibt. Vor einigen Monaten hatte ich ihn auch von Ferne gesehen. Ich war damals mit meinem Fahrrad durch ein Gewerbegebiet in der Nähe unserer Siedlung gefahren. Die Menschen standen Schlange auf einer breiten Schneise zwischen zwei Gewerbeimmobilien. Links sah man die immer noch recht vorzeigbare Rückseite des Bürogebäudes einer Telekommunikationsfirma. Rechts zog sich ein schmuckloser Betonbau mit Lagerhallen und Werkstätten hin. Ich blieb in einiger Entfernung stehen. An mir vorbei gingen vereinzelt Menschen mit vollen Einkaufstrolleys zur nächsten öffentlichen Straße.
 
Als ich vor ein paar Tagen diesen Ort aufsuche, um ihn näher zu erkunden, ziehe ich ebenfalls eine Tasche auf Rädern hinter mir her. Ich trage meine leicht schmuddelige Hose und Anorakjacke, die ich beim Zeitungsaustragen anhabe. Ich bin unrasiert. Es regnet und stürmt. Vor dem glänzenden Bürogebäude der Telefonfirma steht der Lieferwagen einer Catering-Firma mit der Werbeaufschrift 'Traumhafte Buffets - Individuelle Menus' Als ich mein Ziel im Hinterhof erreiche, steht noch niemand vor der Tür. Einem Zettel entnehme ich, dass die Tür erst in einer halben Stunde geöffnet wird.Die Fenster der Einrichtung sind teilweise mit Jalousien gegen Einblick geschützt. Die Büros, Lagerräume und die Räume für den Publikumsverkehr sind recht schmucklos. An der Front des Gebäudes hängt noch ein großes Schild mit der Aufschrift 'Küchenstudio'.
 
Ich entdecke eine Tee- und Wartestube. Von außen kann ich sehen, dass dort schon ein paar Leute sitzen. Ich gehe nicht hinein. Ich stelle mich auch nicht an der Tür an. Ich hätte gar keine Berechtigung gehabt, kostenlose Lebensmittel in meine Rolltasche zu stecken. Meine Frau und ich haben ziemlich wenig Geld, aber wir beziehen keine staatliche Fürsorgeunterstützung. Also trete ich den Rückzug an.
 
Ich marschiere durch die breite Schneise zurück zu einem nahegelegenen Lagergebäude. Mein Blick fällt auf lange Fluchten von Rampen, an denen zu anderen Tageszeiten wohl Lastwagen von Post- und Logistikdiensten be- und entladen werden. Auf einer dieser Rampen beziehe ich Posten - regengeschützt und in sicherer Entfernung . Die ersten Besucher der wohltätigen Einrichtung ziehen mit ihren großen Taschen durch den anhaltenden Regen an mir vorbei. Die Menschen kommen stoßweise, wahrscheinlich mit den Bussen einer Linie, die durch einige Quartiere im Osten der Stadt fahren, in denen viele arme Menschen wohnen.
 
Es sind meistens Frauen, vor allem im Rentenalter. Es kommen aber auch jüngere Frauen, oft mit Kopftuch, teilweise zu zweit, manchmal mit kleinen Kindern.
 

 
Bürokomplex in der Nähe der Ausgabestelle
 
Ältere Männer sehe ich nur vereinzelt, noch wenig jüngere.Es fällt mir auf, dass etliche deutlich übergewichtige Menschen dabei sind.
 
Etwas entfernt von mir sucht ein junger Mann ebenfalls auf der Rampe Schutz vor dem Regen. Als ich einmal zu ihm herüberschaue, sehe in der Ferne ein Auto eines Pizza-Services über das Gewerbegebiet fahren. Irgendwann gehe ich zu dem jungen Mann hinüber und spreche ihn an. Ich muß feststellen, dass er kaum Deutsch kann, nur Russisch. Der junge Mann ist vielleicht zwanzig Jahre alt.
 
Als die Ausgabe geöffnet wird, haben sich trotz des schlechten Wetters wohl 30 - 40 Menschen vor der Tür versammelt. Ich folge dem jungen Mann und stelle mich vor den Eingang. Die Menschen bilden keine Schlange, sondern eher ein Knäuel. Sie haben Wartemarken. Es werden keine einzelnen Nummern aufgerufen, sondern Zehnerblöcke. Wer eine Nummer aus dem aufgerufenen Block hat, kann eintreten. Ich höre und sehe viele russische Frauen im Rentenalter, gelegentlich mit Mann. Sie sind unauffällig und ordentlich gekleidet. Einige jüngere Deutsche fallen mir auf. Hinter mir steht ein jüngeres Paar. Beide haben eine ungesunde Hautfarbe und sind deutlich übergewichtig. Sie unterhalten sich in einem flapsigen, selbstermunternden Ton. Mir gegenüber am anderen Pol des Knäuels sehe ich ein paar einzelne, junge Männer mit ernstem Gesicht. Nach einer guten halben Stunde ist mir die Feuchtigkeit und die Kälte so in die Kleider gezogen, dass ich mich in die Teestube zürückziehen muss.
 
Die Tee- und Wartestube mit einer Lamellenwand aus Holz von einer Lagerhalle abgetrennt worden. Die Lamellenwand ist mit Kunstlaub und Plakaten geschmückt. Ein Plakat trägt das Motto 'Aufeinander zugehen!'. Es zeigt zwei (schüchterne) Vögel, die sich mit den Krallenzehen berühren. Das Mobiliar besteht aus etwa zehn schlichten Tischen mit verblichenen Plastikdecken, einfachen Kunststoffstühlen und einem verwaisten Holzstuhl. An einem Ende des Raumes hat man Krabbelhaus aus Stoff für Kinder aufgestellt. Auf der Fensterbank hinter dem Stoffhaus liegen in einer Ecke christliche Traktate Der Betreiber der Teestube ist eine christliche Freikirche.Am gegenüberliegenden Ende des Raumes sind auf niedrigen Schränken Thermoskannen mit heißem Wasser und Kaffee aufgestellt. Es gibt auch eine Pinnwand für Mitteilungen.
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