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Nr. 2b/2007, Bremen, den 1.2.2007, Nr. 230  10 Jahre Jan Frey, Verlag: Danksagung

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Begegnungen 6b
Entcounters 6b  English version 

        
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Motto auf dem Werbezettel eines Unternehmens, das Lebensmittel für arme Menschen spendet.


Das Publikum ist hier ganz anders zusammengesetzt als das vor der Tür der Einrichtung. Ich höre und sehe kaum Russinnen und Russen. Hier herrschen die Deutschen vor. Etliche Menschen tragen Trainingshosen oder- jacken. Manche Frisuren sind schon etwas ausgewachsen und nicht nur durch den Regen strähnig. Es gibt Männer die ihr Haar lang tragen Einer hat es zu einem Pferdeschwanz gebunden. Viele Menschen sind blaß, das eine oder andere Gesicht ist eingefallen. Eine Rentnerin hat eine breite just verschorfte Wunde unter dem Auge. Ihr Gebiß ist im Oberkiefer ist sehr lückenhaft. Eine ziemlich dicke Frau in mittlerem Alter hat ihre Haare in einem schrillen Ton rot gefärbt. Neben ihrem Stuhl steht ein Wägelchen, das als Laufhilfe für Gehbehinderte dient. Sie spricht laut darüber, dass sie fast blind ist.
 
An ihrem Tisch führt sie eine Zeitlang das große Wort. Sie flirtet mit einem jungen Mann. Der junge Mann hat einen sehr schadhaften Oberkiefer und lange strähnige Haare. Er geht halb auf die Avancen der Frau ein und halb wendet er sich ab. In seiner Stimme liegt etwas von Selbstermutigung und von Melancholie. Irgendwann fallen derbe Andeutungen.
 
Neben mir sitzt eine hochschwangere, junge Frau. Sie unterhält sich angeregt mit den beiden anderen Frauen am Tisch. Plötzlich steht sie auf. Ihr Vater, ein stark übergewichtiger und blasser Mann mittleren Alters, kommt herein, um sie abzuholen.
 
Nachdem die junge Frau gegangen ist, kann ich ungehindert auf die gegenüberliegenden Tische schauen. An einem Tisch sitzt ein ziemlich junger Mann orientalischer Herkunft. Er wirkt schüchtern und in sich gekehrt. Irgendwann sehe ich dem Jüngling an, wie er sich ein Herz fasst und den alten Mann an seinem Tisch anspricht. Während er spricht, wird sein Gesicht freundlich und entspannt.
 
Neben ihm sitzt ein anderer, junger Mann, ebenfalls orientalischer Herkunft. Er springt ab und zu auf und setzt sich an einen anderen Tisch.Auffällig ist dabei, dass er seinen Gesprächspartner nicht ansieht, wenn er mit weicher Stimme irgendwelche Scherze von sich gibt. Der Tonfall seiner Rede ist so, dass er nach Bestätigung heischt.
 

 
Bürokomplex in der Nähe der Ausgabestelle
 
An einem Nachbartisch starrt eine ältere Frau mit verbittertem Zug um den Mund vor sich hin. Sie beginnt sofort zu lächeln, als eine dicke, junge Frau mit ihr zu sprechen beginnt. Am nächsten Tisch herrscht munteres Leben. Zwei flott gekleidete junge Frauen mit Kopftuch werden von ihren Kindern auf Trab gehalten. Eines der Kinder, ein etwa vierjähriger Junge, flieht vor der ganzen Unruhe in die Ecke des Raumes, in der mein Tisch steht. Er setzt sich auf einen einzeln stehenden Stuhl. Dann bekommt er einen Hustenanfall, der nur langsam wieder abklingt.
 
Eine blasse, junge Frau kommt mit zwei Kindern herein.Auch das Mädchen und der Junge sehen sehr blaß aus. Sie tragen teilweise etwas abgewetzte Kleidung. Die beiden Kinder kriechen gleich in das Stoffhaus und spielen dort.
 
Als der Strom der Gäste langsam abebbt, breche ich auf. Ich muß gestehen, dass ich mich in dieser Gesellschaft nicht unwohl gefühlt habe. Keiner und keine spielte hier den starken Max. Es waren hier vielleicht eher Menschen zusammengekommen, die in der Ellenbogen-Gesellschaft nicht so recht klargekommen sind.
 
Am nächsten Tag sehe ich die Menschen in der Straßenbahn mit anderen Augen. Viele der älteren Damen sehen genauso aus wie die älteren Ausisedlerdamen an der Ausgabestelle, nämlich völlig unauffällig.

Vgl. auch:

Bahnhofsmission

Moderner Supermarkt

Umbruchzeichen 4

Begegnungen 8

Plätze (19)

Grenzverschiebungen: arm und reich

Bitte lesen Sie auch Charles Dittmeiers Tagebuch-Artikel vom 29. Februar 2004 über Müllsammler in Phnom Penh. Der Link führt auf den letzten Artikel des Jahres. Bitte nach unten scrollen!

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Donnerstag, den 15.2.2007


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