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Folge 05/2003, Bremen, den 19.01.2003 (Nr. 84)
        
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13.01.2003
Bei einem Besuch in der Bahnhofsmission hatte mir ein Obdachloser empfohlen, meine Gehörreise in einer überdachten Einkaufspassage fortzusetzen.
 
Als ich die Passage zunächst einmal offenen Auges durchwandere, erreicht mich plötzlich von irgendwo her ein feines blechernes Geräusch, das nach ein, zwei Schritten schon wieder verschwindet. Ich bleibe stehen, gehe zurück und schaue mich um. An der Außenfront eines Cafés hängt in einiger Höhe ein unscheinbarer Lautsprecher. Ich trete heran. Jetzt kann ich das Geräusch als leisen A-capella-Schlagergesang in schlechter Wiedergabequalität identifizieren. Sobald ich einen Schritt weitergehe, ist der Gesang nur noch als irritierdes Element im Grundrauschen von Stimmen und Tritten wahrnehmbar. Gehe ich noch etwas weiter, ist der akustische 'Fremdkörper' verschwunden.
 
Ich setzte mich auf eine der wenigen Bänke in der zugigen Passage und schließe die Augen: Die Stimmen und Trittgeräusche vermischen sich mit ihrem Hall zu einem lauten Rauschen, das immer wieder in ein Geheul oder Brausen ähnlich dem des Windes überzugehen droht und dann doch nicht die nötige Stärke erreicht. Dadurch entsteht die starke Empfindung, um mich herum sei alles in ständiger Bewegung. Das An- und Abschwellen mag dadurch entstehen, dass die ab- und zunehmende Zugluft die Geräusche unterschiedlich stark weiterträgt.
 
Ich spüre, dass die PassantInnen nicht so stark wie in den angrenzenden Kaufhäusern und Läden durch die Anziehung der Warenwelt von alltäglichen Gedanken, Empfindungen und Äußerungen abgelenkt sind. In den Stimmen schwingt nicht dauernd diese Konsumfreudigkeit der SchnäppchensucherInnen mit. Die Gesprächsfetzen, die ich auffange, enthalten auch Bruchstücke von Alltagsthemen, zum Beispiel Tratsch nach dem Motto 'Und dann habe ich ihr gesagt, ....'
 
Die Stimmen sind 'Straßenstimmen', keine 'Im-Haus-Stimmen'. Im Kaufhaus würde kaum jemand wie hier auf der überdachten Straße aus vollen Halse lachen oder spontan laut ein Liedchen pfeifen. Der allgegenwärtige Hall macht das Pfeifen und Singen zum lustvollen Erlebnis, vor allem für Kinder. Auch Jugendliche sind hier oft ungenierter laut, als sie es 'drinnen' sind. Ältere Menschen - so ich sie denn an der Stimme identifizieren könnte - höre ich nicht heraus: Die Alten sind leise, .... bis auf die in Ehren ergrauten Immigranten aus dem Mittelmeerraum. Als ich einmal die Augen aufschlage, sehe und höre ich drei ältere Herren einschlägiger Herkunft erfrischend temperamentvoll diskutierend durch die Passage flanieren.
 
Eine Vielzahl von Geräuschen, die von Dingen verursacht werden, durchdringen das Grundrauschen: In der Ferne höre ich dreimal das Piepen einer Diebstahlssicherungsanlage. Immer wieder bimmelt, piept oder dudelt ein Mobiltelefon.
 

[M]

 
Einmal bekomme ich mit, wie über einen eingebauten Lautsprecher die Gesprächspartnerin des Angerufenen zu hören ist. Öfter vernehme ich das leise Grummeln, das ein Einkaufstrolley mit seinen Rollen auf dem Steinboden verursacht. Dann wieder gibt es ein dumpfes Poltern, dann ein Rascheln und wieder ein Poltern und ein lauteres, rollendes Grummeln. Der Inhalt des Mülleimers neben der Bank ist in eine große Tonne entleert und fortgeschafft worden.
 
Manche Geräuschquellen sind überhaupt nicht zu identifizieren: Zweimal dringen ganz nah, klar und kurz fünf, sechs Töne elektronischer Musik an mein Ohr. Dann sind sie verschwunden. Ähnlich unerklärlich ist mir, wie ein seltsames Schnalzen zustande kommt, wenn eine Gruppe lärmender Jugendlicher an mir vorbei geht. Schließlich ist auch die Welt außerhalb der Passage akustisch gegenwärtig. Das Hupen eines Autos in einer benachbarten Straße wird von dem Schlauch, den die Passage bildet, wie von einem Hörrohr eingefangen und verstärkt. Der Regen trommelt leise auf das Dach und rauscht in einem Fallrohr hörbar nieder.
 
Als ich die Auge nach langer Zeit wieder öffne, blicke ich auf die Auslagen eines Geschäftes. Ich sehe, wie die Waren auf kleinen Podesten präsentiert werden. Menschen gehen vobei. In mir klingt das unruhige Grundrauschen dieses Ortes nach, der weder Haus noch Straße ist: Zum Haus fehlen ihm die Türen, die die Kälte und den Wind abhalten. Das Dach aber nimmt ihm den Charakter der Straße. Ein Zweck der Konstruktion ist, den Menschen vor allem auch bei schlechtem Wetter zu ermöglichen, die Auslagen der Geschäfte zu anzuschauen.
 
Ich fühle mich hier sehr 'verloren'.
 


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