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Folge 20b/2003, Bremen, den 09.04.2003(Nr. 98)  1 Jahr kleinmexiko.de: Danksagung
Nächste Folge wegen des Spezials am 20.04.2003
        

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In der Bäckerei füllt Frieder Rietzel mit zwei HelferInnen zwischen vier und fünf Uhr die Tüten.








Auf dem Weg zum Treffpunkt mit seinen Fahrern liefert Rietzel schon einige Tüten ab.












Drei Fahrer bestreiten heute die Touren.









Hilde Güttler-Rietzel mit ihrem Mann Frieder vor der Galerie ihrer mütterlichen Ahnen in Costa Rica.















Die Familie Rietzel eingerahmt von chilenischen Carabineros in historischen und modernen Uniformen.
Foto: privat
 
Eines dieser unzähligen Bücher hat Frieder Rietzel für den Besucher bereitgelegt: ‘Acht Jahre im Wilden Westen. Erlebnisse einer Farmersfrau.’ Diese Farmersfrau war seine Urgroßmutter. Helen Violet von Zehmen wurde als Tochter der deutschstämmigen Bankiersfamilie Baltzer 1858 in New York geboren. Dort wuchs sie zunächst auf. Später ging sie mit den Eltern nach Leipzig. 1879 heiratete sie einen jungen, musisch veranlagten, ehemaligen Offizier. Drei Jahre später stieg das junge Ehepaar aus dem großbürgerlichen Milieu aus und emigrierte nach Nord Dakota. Das Experiment, mit Gemüseanbau eine Existenz zu sichern, endete 1890 mit der Rückkehr des Paares nach Deutschland. Geblieben sind jene Aufzeichnungen: Sie berichten von der Urbarmachung des Landes, von den einfachen Lebensverhältnissen der SiedlerInnen, von Nachbarschaftsstreit und -hilfe. Sie verraten aber auch eine Sensibilität für das Elend der IndianerInnen, denen durch rücksichtslose Landnahme der Lebensraum geraubt wurde.
 
Etwas bekümmert stellt Frieder Rietzel fest, in Amerika wie in Deutschland sei auch heute noch die Auseinandersetzung mit rassistischer Vergangenheit nicht immer ganz einfach. Das letzte einschlägige Erlebnis habe er vor wenigen Tagen auf einem Anwohnertreffen gehabt. Dort ging es um eine Rückbenennung der Straße, an der die Rietzels wohnen. Die Straße hieß vor 1938 Emanuel-Straße. Sie war benannt nach dem Juden Emanuel Stern. Dieser Kaufmann wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts aus Hessen zu und erwarb die Bremischen Bürgerrechte. Ab 1887/88 erschloß er im Einklang mit dem Senat diesen Flecken Erde für die Stadt, indem er eine Straße anlegen und bebauen ließ. Die Nazis benannten die Straße 1938 in Eupener Straße um. Sie wollten damit die Erinnerung an jenen jüdischen Pionier der Stadtentwicklung tilgen. Gleichzeitig konnten sie damit die revanchistischen Gelüste auf die ehemals preußischen Kreise Eupen und Malmedy wachhalten, die 1920 durch die Umsetzung des Versailler Vertrages an Belgien gefallen waren. Auf jener Anwohnerversammlung habe er sich - so Rietzel - fast allein einer großen Mehrheit von etwa einem Dutzend Nachbarn gegenübergesehen, die an das vergangene Unrecht nicht mehr rühren und alles so lassen wollte, wie es ist.
 
Rietzels Einsatz für den jüdischen Pionier eines vergangenen Jahrhunderts wird aus zwei Motiven gespeist: Zu seinen Freunden zählen etliche Juden/Jüdinnen, die vor den Nazis nach Lateinamerika entkommen sind. Sein Engagement ist aber sicherlich auch ein Tribut an die Offenheit, die er selbst als Einwanderer und zumal als Deutscher in Chile erfahren hat. Zudem ist Chile ein Land, das unter anderem auch durch sein ‘preußisch’ orientiertes Heer geprägt ist. Dort habe ihm - so Rietzel - als Ausländer nach fünf Jahren das Wahlrecht zum nationalen Parlament zugestanden. Er sei bald in den ‘Círculo de Amigos de Carabineros’, den Verein der Freunde der Polizei, aufgenommen worden. Dieser Verein, dessen Name in den Ohren mancher Deutscher fast wie Teil einer bösen Satire klingt, erfülle bemerkenswerte Aufgaben: Das erste Polizeirevier Santiago de Chiles etwa sei zu seiner Zeit in drei Schichten mit insgesamt 120 Beamten besetzt gewesen, die für eine Million Menschen zuständig gewesen seien. (Die entsprechende Relation für Bremen beträgt ca. 730 Beamte für fünfhunderttausend Einwohner.) Bei einer Katastrophe oder Revolution sei er als Mitglied des Vereins bei Eid auf die Verfassung verpflichtet gewesen, die Funktion einer Hilfsordnungskraft zu übernehmen. Der Vereinsausweis sei - maßvoll eingesetzt - eine Möglichkeit gewesen, die Obrigkeit zum Beispiel bei einer Straßenkontrolle gnädig zu stimmen. Es gebe übrigens in Santiago auch keine Berufsfeuerwehr. Dafür sei es aber eine große Ehre, nach einem Auswahlverfahren in die Reihen der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt aufgenommen zu werden.
 
Dieses Pionier-Verständnis von sozialer Verpflichtung hat Rietzel ein wenig in die deutsche Gesellschaft zurückgetragen: Er hat sich nicht gedrückt, als ihm zu den Europawahlen 1999 das Amt des Wahlhelfers angetragen wurde. Heute ist er Wahlvorsteher in seinem Wahllokal. Als er den Reporter spät abends noch vor die Tür bringt, verabschiedet sich Frieder Rietzel mit einer kleinen, fast miltärischen Verbeugung. Man ahnt, er sieht im preußischen Major auch den Diener am Gemeinwesen.

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