Logo Klein  Mexiko
 
 

Folge 25/2003, Bremen, den 16.05.2003 (Nr.104)   1 Jahr kleinmexiko.de: Danksagung
        
Bitte beachten Sie bei Ihren Einkäufen und Aufträgen unsere Unterstützer:

 
 
'Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao,durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!'
Erich Kästner


Wie immer zu Wahlzeiten würdigt Klein Mexiko die Veränderung des alltäglichen Straßenbildes durch Plakate. Ich habe sie mir jetzt sogar ins Haus geholt: Zwei sehr häufig verwandtePlakate der Parteien, die im Augenblick noch den Senat stellen, hängen bei mir in der Küche. Ich wollte den Kandidaten ganz nahe sein, so wie sie es mir sein wollen. Der eine ist ja fast mit mir per Du. Der andere winkt leutselig und einladend von seinem Plakat herunter. Aber der Reihe nach. Beide Plakate sind gleich groß: 84 cm breit und 118,5 cm hoch. Die Rückseiten sind hellblau marmoriert.


 
Eine Partei hat ihr Plakat fast flächendeckend rot einfärben lassen. Es gibt keinen andersfarbigen Rand. Nur die weiße und schwarze Schrift sowie zwei einfache weiße grafische Elemente treten hervor. Die obere Hälfte des Plakates wird von einem Satz mit vier Wörtern beherrscht. Er ist über drei Zeilen verteilt und in fast blockbuchstabenartiger, weißer Schrift gesetzt: YXZ (der Vorname des Kandidaten)/ WÄHLT/ MAN SO Unter dieser Parole befindet sich eine quadratisches Kästchen, das aus weißen, relativ schmalen Linien gebildet wird. Das Kästchen enthält oben rechts einen kleinen, weißen Kreis mit einem Wahlkreuz. Die untere Hälfte des Kästchens wird fast ausgefüllt vom Namen der Partei, der in der gleichen Schrift wie die Parole gesetzt ist, nur in kleinerem Schriftgrad. In schwarzer, relativ kleiner Schrift, die auch Groß- und Kleinbuchstaben unterscheidet, steht direkt unter dem Kästchen steht der Satz: 'Es geht um Bremen' Rechts neben dem Kästchen ist in der gleichen Schriftart, nur etwas größer, das Wahldatum angegeben. Ganz klein ist in hochgestellter Schrift am linken Rand mit Adresse die Parteiorganisation angegeben, die im Sinne des Presserechtes für das Plakat verantwortlich zeichnet. Eine Webadresse ist nicht angegeben.
 
Die Farbe des Plakates ist ähnlich der Farbe, mit der in der Vergangenheit viele Aufständische ihren Aufruhr und ihre Forderungen gegenüber den Herrschenden unterstrichen haben. Das Plakat enthält aber definitiv keine politische Forderung. Die wesentliche Aussage ist eine schlichte Gebrauchsanweisung an das Wahlvolk, wie es den gegenwärtigen Regierungschef wiederwählen könne: Man muß bei einer bestimmten Partei sein Kreuzchen machen, wie es das Kästchen unter der Parole illustriert. Wichtig ist, nach der Botschaft des Plakates, den Kandidaten zu wählen. Die Partei ist dazu nur ein Vehikel. Dabei wird zwischen WählerIn und zu Wählendem eine besondere Nähe suggeriert.


 
Der Kandidat wird nur mit dem Vornamen bezeichnet. Das unterstellt dem/der WählerIn, das er/ sie den Kandidaten für sich auch so bezeichne. Der Kandidat ist eine Art guter Kumpel und zugleich Kultfigur. Bei der vorausgesetzten Nähe zwischen Wahlvolk und Kandidat/ Kultfigur, kann eigentlich auch davon ausgegangen werden, dass das Wahlvolk weiß, welcher Partei der Kandidat angehört. Das Plakat tut aber - spaßhaft - so, als müsse es dem Wahlvolk noch genau diesen Zusammenhang erklären. Es setzt also - ebenfalls spaßhaft - eine ziemliche Unwissenheit beim Volk voraus, nach der Devise: ‘Alles muß man euch erklären! Sogar, wo ihr euer Kreuz machen sollt, wenn ihr den, den ihr doch so gut kennt, wieder wählen wollt! Und vergeßt ja nicht das Datum. Wir sagen es euch nochmal extra!’ Mit dem Aufbau einer Kultfigur geht also ein gewisses Maß an Spaßhaftigkeit einher, das Anflüge von Veralberung des Wahlvolkes nicht prinzipiell ausschließt. Das ganze Plakat besteht also eigentlich nur aus einer Anweisung an das Wahlvolk: Das müßt ihr zu dem Datum tun, damit eine bestimmte Person, die euch nahe steht, an der Macht bleibt. Die Parole ‘Es geht um Bremen’ wird ganz klein geschrieben .
 

 
Das Plakat der anderen Regierungspartei ist auf dünnerem Papier gedruckt und ganz anders aufgebaut. Es wird beherrscht von einem Foto: Der Spitzenkandidat der Partei nimmt einen großen Teil der rechten Bildhälfte ein. Er lächelt mild und hebt leutselig gewinnend die rechte Hand: ‘Seht her, auf uns kann man sich verlassen!’ Er trägt einen dunkelblauen Blazer mit goldfarbenen verzierten Metallknöpfen. Dazu kommt ein weißes Hemd ohne Schlips. Im Hintergrund ist eine Hafenlandschaft erkennbar, aus der ein Lotsenboot(?) hervorsticht, das einen großen Teil der linken Bildhälfte optisch dominiert. In das obere Drittel des Bildes ist ein Schriftzug moniert. In kursiver Schrift, eingerahmt von Anführungszeichen und abgeschlossen von einem Punkt steht dort die Aussage ‘Auf uns kann man sich verlassen.’ Darunter ist in kleinerer Schrift Spitzenkandidat der Partei als der Urheber dieser Aussage vermerkt. In einer neuen Zeile, getrennt durch ein Komma und abgeschlossen durch einen Punkt wird noch das gegenwärtige Amt des Kandidaten genannt: Bürgermeister.
 
Unter dem Bild verläuft ein weißer Balken mit Schriftzügen: Rechts findet sich in großen, roten, kursiven Blockbuchstaben zunächst der Name der Partei. Über den beiden letzten Buchstaben des Parteinamens findet man die Webadresse der Landesorganisation der Partei. Die fast mittig gesetzte, schwarz und kursiv gedruckte Parole ‘Viel getan. Viel zu tun.’ schließt das Plakat ab. Es folgt noch die scheinbar unvermeidliche Wahlkreuzchen-Grafik.


 
Etwas locker soll er auch schon aussehen, der Kandidat. Deshalb wurde auf den Schlips verzichtet. Aber der dunkelblaue Blazer hat sich modegeschichtlich aus einer Marineuniform entwickelt. Von der sind letztlich nur die Knöpfe geblieben. Optische Assoziationen an eine Kapitänsuniform sind sicherlich nicht unerwünscht. Auch das Lotsenboot im Hintergrund soll die Gedankenverbindung ‘starker Lenker, sichere Führung’ unterstützen. Alle Parolen auf dem Plakat gehen wenigstens teilweise in diese Richtung. Die Hafenszenerie im Hintergrund weist auf vermeintliche florierende Wirtschaft wie sie in einer Hafenstadt verstanden wird hin. ‘Viel getan.Viel zu tun.’ verweist einerseits auf die behauptete Tatkraft des Kandidaten und seiner Partei. Die Parole suggeriert aber in Verbindung mit dem Bild auch ‘Vollbeschäftigung jetzt und zukünftig’ . Für Wirtschaftkraft und -kompetenz wird ausgerechnet eine Illustration eines Wirtschaftszweiges gewählt, dessen Bedeutung durch den Strukturwandel wenigstens relativiert wird. Hochtechnologie, wie sie vom Senat gefördert wird, ist weder plakativ darstellbar noch einer ‘breiten Masse’ wirklich zugänglich. Dennoch rechnen die Plakatmacher wenigstens teilweise mit einem Publikum, das mit moderner Informationstechnologie vertraut ist: Sie geben eine Webadresse an. Unter dieser Adresse könnte sich BetrachterInnen des Plakats programmatische Informationen der Partei abrufen, die auf diesem Werbemittel vollständig fehlen.
Insgesamt kommt das Plakat mit einer relativ konventionellen Werbesprache daher, die auf scheinbar bewährte Mechanismen des 'Überzeugens' setzt.

Hinweis: Alle Bilder auf dieser Seite sind durch Bildbearbeitung eines Originals manipuliert.


vgl.: Ohne Nachrichten (11)

Parolen (1)

Parolen (2)

Parolen (3)

Parolen (4)

Parolen (5)

Parolen (7)

Parolen (8)

Parolen (9)

Parolen (10)

Parolen (11)

Parolen (12)

Parolen (13)

Parolen (14)

Parolen (15)

Parolen kaputt

Parolen 23

Nächste Folge 'Alltag in Bremen':
Donnerstag, den 22.05.2003


< vorige Folge     nächste Folge >

Archiv: Alle Folgen 'Alltag in Bremen'
         Platzhalter für Anzeigen
Platzhalter für Anzeigen


























  
 
 

nach oben
        Kontakt        sitemap