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Folge 37a/2004, Bremen, den 11.11.2004 (Nr.169)   2 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung
English summary    Wg. techn. Probleme nächste Folge Samstag, den 27.11.   !!Neu!! Heft 4
        
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Wer sich verteidigt, klagt sich an!
Redensart


11.11.2004
Ich lebe jetzt schon seit März des Jahres mehr oder weniger 'ohne Nachrichten'. Die Schlagzeilen der Zeitungen, die ich austrage, bekomme ich aber zwangsläufig mit. Doch von den Diskussionen über neue Sozialgesetze dringen kaum Details bis zu mir durch. Und ich gehe dem Thema auch nicht nach.
 
Da ich dieses schreibe, fällt mir auf, dass die Kurzbezeichnung dieses staatlichen Gesetzgebungswerks weder etwas über seinen Inhalt noch über die gewählten Politiker aussagt, die es letztlich zu verantworten haben. Es ist schlicht nach einem Manager eines großen Automobilwerkes benannt worden, der diese sozialpolitischen Gesetze mit entworfen hat.
 
Nun hat mich das Thema aber doch eingeholt. Vor einigen Tagen finde ich in meinem 'Briefkasten' einen Brief ohne aufgedruckten Absender und der Adresse An die BürgerInnen und Bürger der östlichen Vorstadt. Der Absender ist in winziger Schrift über dem Adressfeld eingefügt und durch das Umschlagfenster nur bedingt auf den ersten Blick erkennbar. (Es handelt sich um das Büro einer Partei) Um zu sehen, worum es sich bei dieser Nachricht handelt, muß man also den Brief aufmachen.
 

 
Diesen Brief möchte ich jetzt Satz für Satz wenigstens auf die Bedeutung der verwendete Begriffe und formale Struktur analysieren, um so indirekt ein wenig vom gesellschaftlichen Umgang mit diesem Thema zu erfahren. Denn mangels näherer Nachrichten über die dort verhandelten Details ist der eigentliche Inhalt mir kaum zugänglich. Ein wenig habe ich am Ende auch meine Vorstellungskraft und Lebenserfahrung eingesetzt und reflektiert, ob die Fragen, die im Verlaufe des Textes aufgeworfen werden, von den Verfassern auch beantwortet werden können. Die Originalzitate sind durch blaue Schrift hervorgehoben.
 
Der Briefkopf nennt ein Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und einen Beiratssprecher in der östlichen Vorstadt als Absender. Beide gehören einer Partei an, die das Wort 'sozial' in ihrem Namen führt. Der Betreff weist das Schreiben als Einladung aus. Das zweite Stichwort ist Fragen zu und dann folgt nebst einer römischen Vier der Name jenes Managers, mit dem die neue Sozialgesetzgebung schlagwortartig umschrieben wird. Ungewöhnlich ist an diesem Brief zunächst generell, dass sich eine Partei überhaupt außerhalb eines Wahlkampfes an die BürgerInnen wendet.
 
Die Anrede des Briefes lautet: Liebe Bürgerinnen und Bürger der östlichen Vorstadt. Es ist also nicht das förmlichere 'Sehr geehrte ...' gewählt worden, sondern eine Anrede, der das Wort 'Liebe' enthalten ist, das normalerweise eine größere Vertrautheit und ein gutes gefühlsmäßiges Verhältnis zwischen dem Absender und dem Adressaten signalisiert.
 
Der erste Satz lautet:
in wenigen Wochen treten wichtige politische Reformen in Kraft.
Damit ist der Gegenstand des Briefes umrissen. Zwar wird nicht genau gesagt, um welche Reformen es sich handelt. Doch der Hinweis im Betreff umreißt schon, welche Reformen gemeint sind. Für komplexe Veränderungen von Gesetzen ist hier der Begriff 'Reform' gewählt. Der Fremdwörterduden umschreibt diesen Begriff mit 'Umgestaltung, Neuordnung, Verbesserung des Bestehenden'.
 
Es wird allgemein von 'politischen' Reformen, nicht speziell von 'sozialen' oder 'sozialpolitischen' Reformen gesprochen. Dass diese Reformen von bestimmten politischen Kräften (u.a. von der hier in Rede stehenden Partei) durchgesetzt worden sind, wird in diesem Satz auch (noch) nicht gesagt. Es wird vielmehr darauf abgehoben, dass die entsprechenden Gesetze zu einer bestimmten Zeit einen Status erlangt haben, in dem sie 'Kraft' haben. Sie sind dann durch staatliche Gewalt vollziehbar.
 

 
In diesem Zusammenhang ist die (es folgt der Name der Partei) mit vielen unterschiedlichen Fragen konfrontiert worden.
Die Verbindung zur Aussage des vorhergehenden Satzes ist nicht streng folgernd wie etwa bei einem einleitenden 'deshalb'. Obwohl von einem Zusammenhang mit der vorher gemachten Aussage die Rede ist, wird der Zusammenhang nicht konkretisiert. Nicht konkretisiert wird auch durch die passivische Konstruktion des Satzes, wie und unter welchen Umständen und - womöglich - von wem die Partei mit vielen unterschiedlichen Fragen konfrontiert worden ist. Der Begriff 'konfrontieren' wird vom Fremdwörter-Duden erklärt mit 'a) jndn. jmdm. anderen gegenüberstellen, um einen Widerspruch od. eine Unstimmigkeit auszuräumen; b) jmdn. in die Lage bringen, dass er sich mit etwas Unangenehmem auseinandersetzen muss'.
 
Der Satz erinnert mich ein wenig an beschönigenden diplomatischen Kommuniqué-Stil. In dieser Diplomatensprache kann zum Beispiel zwar gesagt werden 'Die Gespräche wurden in einer konstruktiven Atmosphäre geführt'. Das kann aber bedeuten, dass in Wirklichkeit unter einer dünnen Oberfläche der höflichen Form harte Machtkämpfe geführt wurden. Diese Sprache dient den Diplomaten dazu, auf jeden Fall 'ihr Gesicht zu wahren'.
 
Die Fotos zeigen das Gehäuse eines stillgelegten Automaten für Zeitungsverkauf. Das Foto wurde nach und nach mehr verfremdet.
 
Sowohl die Frage, ob derart harte Einschnitte erforderlich sind, aber auch ganz konkrete Fragen, wie sich die Reform auf die einzelne Person auswirkt, sind in diesem Zusammenhang für viele Menschen von Bedeutung.
An diesem Satz fällt zunächst auf, dass er statt der gängigen Verbindungsformel 'sowohl ...als auch' ein ungewöhnliches 'sowohl ..aber auch' verwendet. Dadurch gerät die Gleichgewichtigkeit der beiden verbundenen Halbsätze aus dem Lot. Im ersten Halbsatz wird die Frage gestellt, ob derart harte Einschnitte erforderlich sind. Von welchen Einschnitten hier die Rede ist, wird nicht gesagt. Es wird vorausgesetzt, dass der/ die LeserIn das weiß. Die Reformen werden jetzt als harte Einschnitte bezeichnet. Dieser Begriff weckt Gedankenverbindungen an die Chirurgie, also im weitesten Sinne an praktisch ausgeübte ärztliche Heilkunst.
 
Diesen Fragen nach der Begründbarkeit dieser 'ärztlichen' Entscheidung werden mit dem aber auch nun ganz konkrete Fragen, wie sich die Reform auf die einzelne Person auswirkt eher gegenübergestellt als gleichgestellt. Dazu passt, dass den Fragen nach der Begründbarkeit die Eigenschaft ganz konkret nicht beigefügt wird. Und es bleibt die Frage, warum die Frage nach der Begründbarkeit solcher Entscheidungen nicht ganz konkret ist.
 
Auffällig ist auch, dass von den Auswirkungen auf die einzelne Person die Rede ist. Es wäre auch die Formulierung auf den einzelnen Menschen denkbar gewesen. Vom Menschen ist in diesem Satz nur als einem Wesen die Rede, für das in diesem Zusammenhang jene Fragen von Bedeutung sind. Es ist auch nicht ausdrücklich davon die Rede, dass die Menschen Fragen stellen, sondern (quasi bestehende) Fragen sind für viele Menschen von Bedeutung.
 
Der Begriff der Frage färbt sich also etwas mehr Richtung einer Frage ab, die z.B. im Sinne einer Existenzfrage über den Menschen schwebt. Sie verliert ein wenig von dem Sinn des aktiven Fragens etwa nach dem 'Warum'. Auch dieser Satz ist mit dem vorhergehenden wieder mit der losen Floskel in diesem Zusammenhang verbunden, die - wie gesagt - zwar förmlich einen Zusammenhang behauptet, aber nicht ausführt, wie, wo und warum ein Zusammenhang besteht.
 

 
Deswegen haben wir uns entschlossen, Ihnen ein Angebot zu machen, mit uns über die Politik der (es folgt der Name der Partei) in Bezug auf (es folgt die Kurzbezeichnung des Gesetzespakets) zu sprechen.
Sofort ins Auge fällt hier der Anschluß an den vorhergehenden Satz mit dem begründenden deswegen. Wäre hier wieder ein in diesem Zusammenhang benutzt worden, wäre der Grund für den mitgeteilten Enschlusses ( ...haben wir uns entschlossen) seltsam schwammig gewesen. So ist aber klar: Die Menschen haben Fragen nach der Begründbarkeit der Reformen und nach dem 'Wie geht es weiter'. Und deshalb haben die Herren einen Entschluß gefaßt, nämlich, Ihnen ein Angebot zu machen, mit uns über die Politik der .... in Bezug auf ... zu sprechen. Die Wendung haben wir uns entschlossen behauptet den freien Willen der Entschließer in dem Sinne, dass sie sich auch anders hätten entschließen können. Dieser behauptete freie Wille steht ein wenig im Gegensatz zum Element der Zwangslage, die sich aus der Duden-Definititon von 'konfrontieren' ergibt.
English summary:
For nine months I am living without news now (see: col 'Without news 12'). In Germany there will be cutbacks in the social wellfare system. Now I've got a letter from the local organisation of the party, which has voted for the cutbacks. The politicians invite to a forum about this cutbacks. The letter is partially written in officialese and partially written as a private letter. One may suspect, that the forum also is an opportunity for the politicians to defend the cutbacks. After the discussion experts on social affairs will give affected unemployed people some advices.

 
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vgl. auch:

Entgrenzung des Begriffs 'Unmenschlichkeitkatastrophe' bezogen auf Hartz IV - Gesetze

Ohne Nachrichten (1)

Ohne Nachrichten (2)

Ohne Nachrichten (3)

Ohne Nachrichten (4)

Ohne Nachrichten (5)

Ohne Nachrichten (6)

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Ohne Nachrichten (11)

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Ohne Nachrichten (15)

Ohne Nachrichten? (17)


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Freitag, den 26.11.2004


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