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Folge 38/2004, Bremen, den 26.11.2004 (Nr. 170)   2 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung
English summary                                  !!Neu!! Heft 4
        
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Klein Mexiko ist auch an der Lebenswelt der Begüterteren dieser Stadt interessiert. Also mache ich mich auf den Weg, um die Marcusallee, einen Ort mit durchaus gediegenen Villengrundstücken, zu inspizieren. Gegen Ende der Schwachhauser Heerstraße zieht jedoch auf der anderen Straßenseite ein imposanter Backsteinbau mein Interesse auf sich. Er erweist sich als großes Altenheim. Fast unmittelbar danach kommt ein Gehörlosenfreizeitheim. Vor diesem Freizeitheim geht ein kleiner Weg ab. Ich folge ihm und habe die Marcusallee schon vergessen.
 
Ernst-Grohne-Weg: Alte Buchen und Eichen in den Hintergärten der weißen Villen
 
Ernst-Grohne-Weg: Alte Buchen und Eichen in den Hintergärten der weißen Villen
 
Ich befinde mich jetzt auf dem Ernst-Grohne-Weg. Dieser schmale Pfad ist zwar ungepflastert, hat aber eigene Beleuchtung durch Straßenlaternen. Bald blicke ich auf die Rückseiten von Villen. Die bis zu zwanzig Meter breiten Grundstücke werden zum Weg hin meistens mit teilweise fast mannshohen, schmiedeeisernen Zäunen abgegrenzt. Gelegentlich steht hinter dem metallenen Zaun noch ein Sichtschutz aus Holzlamellen. Diese Begrenzungsanlagen sind - von Grundstück zu Grundstück verschieden - mehr oder weniger überwachsen und in durchaus unterschiedlichem Erhaltungszustand. Sie bieten zwar einen gewissen Schutz gegen ungebetene Gäste, sind aber auch nicht als Bollwerke angelegt. Imposant dagegen sind die Bäume, die oft an der hinteren Grundstücksgrenze stehen.
 
Mir fallen insbesondere hohe Buchen und Eichen auf. Auf den Ästen und Zweigen, aber auch in den Büschen hinter den Zäunen tummeln sich lautstark viele Vögel. Ihr Gesang und ihr Geschrei wird hier nicht von Verkehrslärm verschluckt. Als ich den Weg weitergehe, stoße ich irgendwann auf einen kleinen Bach, der zwischen Spundwänden verläuft. Ich biege nach rechts ab und folge dem Wasserlauf. Bald komme ich auf die stark befahrene Horner Heerstraße.
 
Schnell flüchte ich wieder in die erste Nebenstraße 'Alten Eichen'. An dieser schmalen Straße liegen auf einer Seite einige große Villen. Sie fallen durch ihre massige, fast kubische Bauweise und durch ihren blendend weißen Anstrich besonders ins Auge. Weiß gestrichen sind auch die gepflegten Holzzäune, hinter denen sich meistens noch eine fast mannshohe Hecke hinzieht.
 
Die Häuser haben vier Geschosse. Vom Boden führen Treppen mit sieben, acht Stufen zum Hochparterre. An einem Haus ist die Treppe sogar als Freitreppe ausgestaltet. Um zu den Treppen zu gelangen, muß man mit etlichen Schritten erst einmal einen Vorgarten durchmessen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sich auch zwei Parteien ein Haus in der Form teilen, dass die linke und die rechte Haushälfte auf einem separaten Grundstück stehen. Die Grundstücke sind vielleicht zehn bis zwölf Meter breit.
 
Nachdem ich die Straße etwa 200 m entlang gefahren bin, stoße ich wieder auf einen Stichweg, der mich nach zirka 50 Metern wieder auf den Ernst-Grohne-Weg führt. Ich habe mich im Kreis bewegt und auf diese Art und Weise die Vorder- und Rückseiten der Villengrundstücke inspiziert. Es sind nach meiner Zählung etwa zehn Grundstücke. Jetzt kenne ich mit den fünfzig Metern auch ganz grob die Länge der Grundstücke.
 
Ich gehe wieder auf die Straße 'Alten Eichen' zurück. Vor einer Villa steht ein jüngerer Mann mit einem kleinen Kind. Er trägt einen schweren, dunklen Mantel und eine Baseballkappe aus schwerem, lodenartigen Stoff, kein billiges Baumwollhütchen also. Ich stelle mich vor. Ich frage ihn, wieviele Villen in der Straße nach seiner Schätzung von einzelnen Familien bewohnt werden. Seine zögerliche Schätzung lautet 'sechzig Prozent'. Er macht mir mit leisem Spott den Vorschlag, ich könne ja an jeder Tür klingeln und fragen. Im übrigen - er deutet in Richtung Marcusallee - sei anderorten eher noch ein Rest des alten Glanzes auszumachen. Ich verabschiede mich.
 
Vor einem Haus, das sich in der geschilderten Art über zwei Grundstücke erstreckt, befrage ich in derselben Sache einen etwa sechzigjährigen Mann. Er bestätigt die Schätzung von sechzig Prozent.
 
Er fügt hinzu, es handele sich auch oft um Familien, in denen die Kinder schon Abitur gemacht hätten und nun aus dem Haus seien. (Da fällt mir ein, dass meine Partnerin im letzten Jahr gerade auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht hat, und zwar über zwanzig Jahre, nachdem sie das Elternhaus verlassen hat.) Ich frage ihn nach der Größe seines Grundstückes. Es seien über siebenhundert Quadratmeter, antwortet er.
 
Er weist mich darauf hin, dass sein Grundstück die Nummer Soundsoviel A trage. Wichtig sei das große A. Solche Grundstücke mit großem A seien Haupt- und keine Nebengrundstücke wie die mit dem kleinen a. Bei den Hausnummern mit kleinem a müsse man das Hauptgrundstück quasi überqueren, um auf das Nebengrundstück zu gelangen.
 
Weiße Villen an der Straße 'Alten Eichen'
 
Weiße Villen an der Straße 'Alten Eichen'
 
Aber die malträtierte Natur unterscheidet weder Haupt- noch Nebengrundstücke: Der Mann beklagt, dass eine schöne, große Buche auf dem Grundstück des Nachbarn (ohne großes A) gefällt werden müsse, weil sie krank sei. Die alten Eichen auf den Grundstücken, nach denen die Straße benannt ist, sind offenbar noch lebenstüchtig. Die markanten weißen Villen - so erfahre ich weiter - sind um 1929 gebaut.
 
Ich bedanke mich für die Informationen und gehe weiter. SchülerInnen im Kindes- und Jugendlichenalter fahren geräuschvoll die Straße herunter. Dann ist es wieder still. Ich schaue mir die Häuser etwas genauer an. An drei Dächern entdecke ich rote Warnlampen, die offenbar zu Alarmanlagen gehören. In einem Fall mache ich sogar einen Lautsprecher aus, der wahrscheinlich im Ernstfall einen lauten Signalton von sich gibt.
 
Ich komme mit einer jungen Mutter ins Gespräch, die mit ihrem Kind vor einer Villa neueren Datums steht. Die Frau trägt eine Jacke und eine Hose, die eher nach 'Gebraucht' als nach dem gewissen kleinen Unterschied aussehen. Ich frage sie nach der Wohnfläche ihres Hauses. Nach einigem Überlegen schätzt sie sie auf dreihundert Quadratmetern mit allen Nebenflächen ein.
 
Ich drehe ein weiteres Mal eine Runde über den Ernst-Grohne-Weg, um ein paar Fotos zu machen. Erst jetzt fällt mein Blick bewußt auf einen anderen Abschnitt der Straße, an dem gewöhnliche Wohnhäuser stehen. Als mein Blick auf sie fällt, kommen sie mir klein und schäbig vor, obwohl sie eigentlich ganz schmuck sind. Mein Blick hat sich schon zu sehr an das Ausladende der Villen gewöhnt.
 

 
Schlichtere Wohnhäuser in der Straße 'Alten Eichen'
 
Als ich zurückkomme, steht die junge Mutter mit einer etwas älteren Dame, offenbar einer Nachbarin, im Gespräch. Ich werde freundlich einbezogen. Die ältere Dame meint, in mir den Schornsteinfeger des Bezirkes zu erkennen. Sie entschuldigt sich mehrmals, als ich sie über meine Identität und mein Tun aufkläre. Und siehe da, sie kann sich noch an einen Artikel erinnern, der vor einem Vierteljahr in einer hiesigen Tageszeitung über das Klein-Mexiko-Projekt erschienen war.
 
Sie wohnt in einer der Villen. Sie gibt ihre Wohnfläche mit etwas unter zweihundert Quadratmetern an. Sie hat gerade ein Foto zur Hand, das den vorderen Teil ihres Grundstückes in dem Zustand vor vierzig Jahren zeigt. Die heute mannshohe Hecke war noch nicht gepflanzt. Alle Bäume, die damals dort standen, sind nicht mehr da.
 
Ich fahre langsam zurück. Zuhause schaue ich in ein altes Adressbuch aus dem Jahre 1997: Auf 41 Hausnummern der Straße 'Alten Eichen' kommen 16 Personen mit Dr.-Titel, aber nur 5 Personen, deren Namen (möglicherweise) auf ausländische Wurzeln dieser Personen verweisen. Ich finde unter den Einwohnern einen ehemaligen Senator und eine bekannte Kaufmannsfamilie. Der Name dieser Familie verbindet sich in der Stadt mit großzügigem Mäzenatentum.

Vgl.:
Vergleich zweier Straßen: Tenever / Schwachhausen (1)
 
Vergleich zweier Straßen: Tenever / Schwachhausen (2)
 
Eingang von Haus in Tenever und Klein Mexiko
 
Zehn Grundstücke
 
Begegnung mit einem bescheidenen Menschen
 
English summary:
I visited a residential area. The plots of land in this area in some cases are more than 700 metres square.The living spaces are more than 180 metres square, in some cases even 300 metres square. In the street there are 41 plots of land. In 1996 in this street lived 14 persons, who got their doctorate.
 
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