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Folge 46/2003, Bremen, den 22.10.2003 (Nr. 125)   1 Jahr kleinmexiko.de: Danksagung
        
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September 2003: Waller Heerstraße

Ende September fiel mir bei einem Streifzug durch Walle auf, dass an der Waller Heerstraße zwei Apotheken in - nach Großstadtmaßstäben - unmittelbarer Nachbarschaft geschlossen haben. In der Nähe der jetzt geschlossenen Apotheken wurde im Oktober 1999 ein Einkaufszentrum mit vielen Einzelhandelsgeschäften, darunter auch einer Apotheke, eröffnet. Früher (wann auch immer das war) waren Apotheken eiserne Institutionen, die über Generationen oder gar Jahrhunderte bestanden. Eine Schließung war oft Folge aufsehenerregender persönlicher Fehler des/ der ApothekerIn. Und nun rafft es nach einer Veränderung der Einzelhandelslandschaft im Stadtteil gleich zwei benachbarte Apotheken dahin.
 
Oft erfährt man durch bloße Erkundung der geltenden gesetzlichen Vorschriften schon etwas über den Gang der Welt. Ich erkundige mich also bei der Apothekerkammer Bremen nach den Rahmenbedingungen, die ein(e) ApothekerIn erfüllen muß, um sich niederzulassen. Dabei erfahre ich zunächst einmal , dass im Umkreis des Einkaufszentrums außer der Decla-Apotheke (Schließung: 21.09.2002) und der Stern-Apotheke (Schließung 30.05.2002) auch die Reuter-Apotheke (Schließung: 22.12.2002) den Betrieb eingestellt hat.

geschlossene Apotheke  
Auch die Stern-Apotheke gibt es nicht mehr.
 
Welche Hürden zu nehmen sind, um den Betrieb zu beginnen, erfahre ich ebenfalls: Neben einer Approbation, die nach mindestens 8 Semestern Studium und einem praktischen Jahr auf Antrag erteilt wird, gibt es eine ganze Reihe weiterer Voraussetzungen, die im 'Gesetz über das Apothekenwesen' zu finden sind. So muss die Person die erforderliche Zuverlässigkeit besitzen (d.h. einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis), muss in gesundheitlicher Hinsicht in der Lage sein, eine Apotheke zu leiten und darf auch nicht bereits eine andere Apotheke besitzen. Ebenfalls ist ein möglichst längerfristiger Mietvertrag über ein Ladenlokal von mindestens 110 qm Fläche vor Erteilung der Betriebserlaubnis der Aufsichtsbehörde (Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales) nachzuweisen.
 
Auch bei der Ausgestaltung der Räume sind eine ganze Reihe von Voraussetzungen zu erfüllen, die in der Apothekenbetriebsordnung zu finden sind. So muss neben einem Verkaufsraum auch ein voll eingerichtetes Laboratorium, ein Raum für die Herstellung von Rezepturen sowie ein Nachtdienstzimmer vorhanden sein. Eine Apotheke läßt sich also schon deshalb nicht auf der Fläche eines Kioskes betreiben.
 
Auch der laufende Betrieb einer Apotheke ist an Auflagen gebunden, die sehr wahrscheinlich etliches an Kosten mit sich bringen. In einer Apotheke muß während des Betriebes immer ein(e) ApothekerIn anwesend sein.

 
geschlossene Apotheke
 
Die Decla-Apotheke hat ihre Tore geschlossen.

Eine Apotheke ist schließlich kein Gemüse-Laden, in dem auch mal nur eine angelernte Aushilfe stehen kann. Arzneimittel stellen ein besonderes Gut dar, das bei falscher Anwendung mitunter mehr Schaden als Nutzen bringen kann. In der Regel müssen die üblichen Ladenöffnungszeiten eingehalten werden. Alle drei Wochen muß die Apotheke für einen Nachtdienst zur Verfügung stehen.
 
In einem nächsten Schritt erkunde ich in Gesprächen mit Apothekern, Krankenkassen und via Internet die Veränderungen, die das Gesetz zur Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung zum 1.1.2003 mit sich gebracht hat. Diese Veränderungen, die sich ja im Verlaufe des Jahres 2002 schon abzeichneten, werden wahrscheinlich im Einzelfall mit dazu beigetragen haben, dass ApothekerInnen aufgegeben haben.
 
Die Erklärung der ziemlich komplizierten Einzelheiten in der entsprechenden Sozialgesetzgebung (z.B. SGB V Paragr. 130) möge man mir ersparen und mir eine etwas verkürzte Darstellung erlauben: Wichtig ist vor allem, dass der Abschlag der Apotheken bei Abgabe von Arzneimitteln an die Krankenkassen bei hochpreisigen Arzneimitteln (ab 54,81 Euro) von bisher 6 auf 10 % angehoben wird. Das heißt in der Milchmädchen-Rechnung beispielsweise: Eine Packung zu 100 Euro, die der Apotheke vor dem 1.1.2003 einen Umsatz von 94 Euro brachte, bringt jetzt nur noch 90 Euro.
 
Man muß kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass anstehende gesetzliche Veränderungen und neue Vertriebsformen (z.B. Nutzung des Internets, Apothekenverbünde) weitere Apotheken sterben lassen.

Nachtrag, 15.03.2004
In der Stern-Apotheke herrscht seit kurzem wieder Apotheken-Leben. In die Räume der ehemaligen Decla-Apotheke ist ein Anbieter von asiatischen Lebensmitteln, Textilien, Schmuck und Videos eingezogen.

vgl. auch:

Spuren von Geschäftsschließungen in der Vorstadt

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