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Folge 53/2002, Bremen, den 01.09.2002     Weiterhin lesenswert: 'Bahnhofsmission'
        
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Blick in die Obernstraße, etwa von der Höhe Sögestraße her.

Klein Mexiko hat einem Samstag die Obernstraße und die Hutfilterstraße besucht. Das ist ein Teil der Fußgängerzone in der Altstadt, der sich vom 'Unserer-Lieben-Frauen-Kirchhof' bis zum Platz 'Am Brill' erstreckt. Ich habe mich dort drei Stunden aufgehalten ohne die Absicht, etwas kaufen zu wollen. Als ich die Obernstraße von der gleichnamigen Straßenbahnh-Haltestelle her betrete, fällt mir sofort auf, wie ungegliedert die Fußgängerzone in diesem Bereich ist. Der Besucher blickt auf eine öde Straßenfläche. Die Straßenbahnschienen und das Pflaster, in das sie eingebettet sind, beherrschen das Bild (siehe Bild oben). In der Ferne entdeckt das Auge ein wenig Grün: In der Pieper- und der Papenstraße, die etwa auf halber Strecke von der Obernstraße abgehen, stehen etliche Bäume. Auf der ganzen Obernstraße gibt es außer den Haltestellen keine Möglichkeit, sich vom Pflastertreten auf einer Bank auszuruhen. Gastronomieangebote gibt es nur ganz wenige. Fast durchweg sind es Imbissbetriebe. Die Obernstraße hat etwas von dem, was man in der Landwirtschaft als Monokultur bezeichnet: Hier blüht (wir hoffen, dass es blüht) nur eins: das Einzelhandelsgeschäft. Ins Kraut geschossen ist vor allem die Bekleidungsbranche. Von den etwa siebzig Läden, die ich gezählt habe, sind über dreißig Geschäfte, in denen Oberbekleidung, Schuhe und ähnliches verkauft werden.


Blick auf Fassaden in der Obernstraße.

Diesem Befund entspricht auch das Erscheinungsbild. Die Fassaden sind oft nur leicht unterschiedlich (vgl. Bild oben). Hinter den gleichförmigen Fensterreihen ist kein Anzeichen von Wohnbesiedlung zu entdecken. Firmenschilder, Leuchtreklamen und Werbung bestimmen das Bild. Die Häuser sind Behältnisse für Waren, VerkäuferInnen und Geschäftsleute.



So verwundert es mich nicht, dass ein großes Kaufhaus und ein sich anschließendes Geschäftshaus (Bild oben) in der Obernstraße letztlich nichts anderes mehr sind als große, graue Schachteln, in denen Unmengen von Waren für ein Publikum bereitgehalten werden, das unablässig durch die großen Eingangsportale in diese Warenwelt hinein- und wieder herausströmt.

 


Die Waren quellen aus den Geschäftshäusern heraus: Vor vielen Läden bieten sich von Ständern herab sogenannte Schnäppchen zum Kauf an. Die Lockrufe der Werbung ertönen überall von Plakaten und Werbeständern: 'Topaktuell', 'Neu! Neu! Neu!', 'Nimm mich'. Nicht nur Waren und Werbung gibt es auch auf der Straße, sondern auch Verkäufer. Vor einem Laden spricht ein Mann Passanten an und verspricht ihnen ein Geschenk, wenn sie mit ihm in den Laden kommen, das Geschenk dort abholen und dann ....? Ein paar Meter weiter verteilen junge Leute in schickem blauen Dress Werbematerial für ein Fitness-Studio. Junge Mädchen bringen Flugblätter für eine Kulturveranstaltung unter das Publikum. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift 'Hören und gesehen werden'. Dennoch ist dieser Teil der Fußgängerzone kein ausgesprochener Tummelplatz für die betuchte Käuferschaft, die nach der VIP-Devise 'Sehen und gesehen werden' lebt. Es gibt auch hier inzwischen einen Sonderpostenmarkt. Er hat sich im Erdgeschoß eines ehemalige 'technischen Kaufhauses' angesiedelt. Aber auch hier wird nichts verschenkt. Diese Meile ist ein Ort, an dem der Mensch nur Waren kaufen kann und sonst nichts. Das kann aber wiederum nicht der alleinige Grund dafür sein, warum ich - im Gegensatz zu früheren Besuchen - in den ganzen drei Stunden keinen Bettler gesehen habe.
Ob Kaufen fröhlich macht? Ich weiß es nicht. Ich habe mich eine Weile an eine Wand gelehnt, die Augen geschlossen und auf die Geräusche in der Straße gehört. Es ist erstaunlich ruhig. Wenn nicht gerade eine Straßenbahn durchfährt, kann ich die Trittgeräusche der vielen Schuhe auf dem Pflaster hören. Gesprächsfetzen streifen mein Ohr, ab und zu dringt ein Gelächter zu mir durch und noch öfter höre ich ungeduldige Kinder schreien. Ich öffne die Augen wieder: Viele Menschen eilen stumm durch die Straße. Ich meine ihnen anzusehen, dass sie nur die Ware, die sie - möglichst günstig - kaufen wollen, im Kopf haben. Vielleicht täusche ich mich da. Aber vielleicht auch nicht: Eine junge Dame, deren einzige Aufgabe es im Augenblick ist, kommenden und gehenden Kunden am Eingang eines Geschäftes 'Guten Tag' und 'Auf Wiedersehen' zu sagen, verrät mir: Längst nicht alle Angesprochenen grüßen zurück.

vgl auch:
In der Fußgängerzone (2)

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Mittwoch, den 04.09.2002


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