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Folge 66/2002, Bremen, den 23.10.2002      Weiterhin lesenswert: 'Bahnhofsmission'
        
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An der Neckarstraße verläuft die Bundestraße 75 (verdeckt durch die Lärmschutzwand) unmittelbar hinter einer Häuserzeile.













Blick auf die Häuserzeile von der Bundesstraße 75 her.














In der 'Nahaufnahme' wird das 'Ensemble' noch klarer.















Blick aus einem Fenster in der Häuserzeile auf die Bundesstraße 75.















Das traurige Ende der Woltmershauser Allee: Die Bundesstraße schneidet sie abrupt ab.



 
19.10.2002
Bei einem Streifzug durch die Neustadt ist mir der Weg plötzlich abgeschnitten: Die Ulmenstraße ist zuende. Jenseits der kreuzenden Neckarstraße erhebt sich Lärm-Schutzwand. Diese Wand verläuft weiter hinter einer Häuserzeile an der Neckarstraße. Der Abstand zur rückwärtigen Front der Häuser beträgt nur etwa drei Meter. Ich fahre an der Zeile mit meistens vierstöckigen Häusern entlang und stoße auf die Woltmershauser Allee. Ein Blick nach rechts offenbart mir das traurige Schicksal einer Allee: Auch sie endet abrupt vor einer durchsichtigen Lärmschutzwand. Hinter dieser Plexiglaswand befindet sich die Abfahrt einer Schnellstraße. Vorsichtig gehe ich auf einem schmalen Seitenstreifen die Rampe hoch. Ich gelange auf die Schnellstraße. Auf zwei Spuren in jeder Fahrtrichtung brausen Autos und Lastwagen vorbei. Ich überquere in Etappen die Schnellstraße: Zunächst rette ich mich auf den gepflasterten Mittelstreifen, auf dem sich eine Leitplanke hinzieht. Von dort husche ich auf die gegenüberliegende Seite. Ich blicke durch eine transparente Lärmschutzwand auf die Rückfront der Häuserzeile. Nur die beiden letzten Stockwerke ragen über die Plexiglaswand hinweg. Ich mache Fotos.

Ich gehe zurück zur Neckarstraße. Eine ältere Frau erzählt mir, dass sie schon sehr lange in einem Haus dieser Zeile wohne. Nach dem Bau sei die Schnellstraße zunächst etliche Jahre ohne Lärmschutzwand betrieben worden. Die alte Dame erklärt mir, sie habe sich an den Lärm gewöhnt und wolle wegen ihres Alters auch nicht mehr umziehen. Es gebe interessantere Themen als den Lärm: Ich solle mich doch mal in einem der Nachbarhäuser umsehen. Da habe es gerade im Keller gebrannt. Ich gehe die Zeile weiter hinunter. Vor einem Haus finde ich tatsächlich verkohlte Reste von Gerümpel. Das Haus macht von außen einen ungepflegten Eindruck. Der Einblick, den die Fenster in das Innenleben des Hauses gewähren, zeigt mir, dass einige Leute sich hier eher nachlässig oder provisorisch eingerichtet haben.

Andere Häuser dieser Zeile wirken dagegen intakt und die Lebensverhältnisse der Bewohner stabil. Ich gehe zurück zur Wolmerhauser Allee und komme mit einem Anwohner ins Gespräch, der die hiesigen Verhältnisse schon seit mehreren Jahrzehnten aus eigener Anschauung kennt. Er berichtet mir, dass die Schnellstraße ein Teil der Bundesstraße 75 sei und seit 1972 in Betrieb sei. Die Lärmschutz-Wände seien erst Ende der 70ger oder Anfang der 80ger Jahre gebaut worden. Auf der Fläche, auf der jetzt die Straße verlaufe, seien früher Trümmergrundstücke und Gewerbeflächen gewesen.

Ich gehe langsam zu dem Haus zurück, in dem das Feuer war. Auf dem Weg komme ich an einem anderen Haus vorbei. Aus einem Fenster schauen mich ernst zwei asiatische Kinder an. Ich betrete das Haus mit dem Brandschaden. Das Treppenhaus ist eng. Der Fußboden ist schmutzig. Die Wohnungstüren sind einförmig und schmucklos. Ich gehe bis ins letzte erreichbare Stockwerk. Im Treppenhaus liegen zwei blaue Plasiksäcke mit Müll. Ein Fenster zur Schnellstraße hin steht offen. Jemand hat eine zerdrückte Bierdose zwischen Fensterflügel und Rahmen geklemmt. Durch das offene Fenster mache ich ein Foto von der Schnellstraße.

Ich gehe wieder zurück zur Woltmershauser Allee. Ich spreche mit einem dreiunddreißigjährigen Mann, der seit elf Jahren in einem Haus unmittelbar an der Abfahrt wohnt. Seine Wohnung liege schon oberhalb der Lärmschutzwand, die in der Nähe der Abfahrt nicht mehr so hoch sei. In jenen elf Jahren sei der nächtliche LKW-Verkehr gewachsen. Die Transporte seien vor allem für eine nahe gelegene Brauerei und für Betriebe in Woltmershauser Gewerbegebieten bestimmt. Störend sei vor allem das Geräusch, das durch das Bremsen im Bereich der Abfahrt verursacht werde. Sein Schlafzimmer liege zur Straße hin. Er könne nur bei geschlossenem Fenster schlafen. Da müsse er halt vor dem Schlafengehen ordentlich durchlüften. Er wohne hier halt billig und nehme die Nachteile in Kauf.

23.10.2002, 20:35
Ich suche das Ende der Woltmershauser Allee noch einmal auf. Ich komme ins Gespräch mit einer etwa fünfzigjährigen Frau, die gerade von der Arbeit kommt. Sie berichtet mir ziemlich detailiert, was sie über die Bewohner der Häuser in der Zeile aus langjähriger Beobachtung weiß. Ich frage sie, welchen Stellenwert denn die Eckkneipe in der Zeile habe. Sie sagt mir, das sei 'unsere kleine Kneipe', in der man sich treffe. Ich habe nach dem Gespräch den Eindruck, dass man hier keineswegs nur anonym lebt.


vgl. auch:
Schneisen (1)
Schneisen (2)
Schneisen (3)
Schneisen (5)
Schnittstellen (1)

Nächste Folge 'Alltag in Bremen':
Sonntag, den 27.10.2002


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