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Folge 74/2002, Bremen, den 04.12.2002
        
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'Wird Weihnachten fröhlich?', fragt mich eine Zeitschrift vom Verkaufsständer eines Kioks herab. 'Ich weiß es nicht' , antwortete ich ihr. Aber ich weiß, dass ich mich zunächst gefreut habe, als mir meine Freundin neulich einen Adventskalender mitbrachte, den sie in ihrer Firma geschenkt bekommen hatte. Es war das Werbegeschenk eines Unternehmens, dass sich unter anderem mit Arbeitnehmer-Überlassung befaßt: Das gemalte Bild auf dem Kalender zeigt einen verschneiten Platz in einer Stadt. Der Platz wird gesäumt von einigen hell erleuchteten, mehrstöckigen Wohnhäusern. An den Fenstern und auf den Balkonen sind ein knappes Dutzend Erwachsene und Kinder zu sehen. Im Hintergrund erheben sich zwei Hochhäuser, die von einer riesengroßen Leuchtreklame 'Merry Christmas' gekrönt werden.



Am Rand des Platzes parken zwei Lastwagen eines Santa-Claus-Services. Ein Rentierschlitten ist auch abgebildet. Ein dritter Lastwagen wird gerade aus voller Fahrt so abrupt abgebremst, dass dem lenkenden Santa Claus die Mütze vom Kopf fliegt. Vor dem Fahrerhaus eines anderen Lastwagens rutscht ein Santa Claus aus, augenscheinlich deshalb, weil er zu hektisch und zu unvorsichtig ausgestiegen ist. Auf dem Platz und in seiner Umgebung sieht der Betrachter etwa zwanzig Santa Clause, die (fast) alle in heftiger innerlicher oder äußerlicher Bewegung sind. Etliche der Rotmützen stehen um einen Chef herum. Dieser Ober-Santa-Claus hält einen Packen Listen in der Hand und erteilt mit weit aufgerissenem Mund und ausgestrecktem Arm Kommandos. Alle anderen halten den Mund, bis auf drei Kollegen, die etwas abseits stehen: Einer telefoniert mit einem Handy, ein weiterer erklärt einem anderen den Inhalt einer Liste. Beide reißen den Mund aber nicht auf. Das tut lediglich ein dritter, der zwei kleine Engel ausschimpft, die mit einem schweren Sack durch die Lüfte eilen. Die zwanzig Engel auf dem Bild sind in der großen Mehrzahl irgendwie weiblicher Natur, wenn man von der Haartracht ausgeht. Allein etwa die Hälfte dieser himmlischen Wesen musizieren auf dem Dach und den Balkonen eines der Wohnhäuser. Diese MusikantInnen-Truppe hat eine Dirigentin. Ansonsten ist unter den Engeln keine Rangordnung erkennbar. Die 'führenden Weihnachtsengel', von deren Empfehlung ich dieser Tage in einem Prospekt eines Mobilfunk-Anbieters lese, sind hier nicht ohne weiteres auszumachen. Auch für das Mobbing unter Engeln, von dem im Prospekt ebenfalls die Rede ist, gibt es hier kein rechtes Indiz. Allerdings ist der im Prospekt abgebildete Engel auch eindeutig ein Mann. Er fällt mit einem Paket voller Technik vom Himmel.
 
Erst auf der Rückseite des Prospekts kommen eine Engelin ins Bild. Da sich die ganze Werbeschrift der Mobilfunker in ihrem Erscheinungsbild an eine umsatzstarke Boulevard-Zeitung anlehnt, verwundert es nicht, dass 'Rauschgoldengel Nicola ( zuckersüße 21)' nur mit Flauschflügel bekleidet ist. Als ich gestern durch ein großes Bremer Kaufhaus ging, fand ich an vielen Tischen kleine Schilder mit der Werbung 'Von führenden Weihnachtsmännern enpfohlen!' Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte ich den kleingeschriebenen Zusatz '-frauen'. An wen soll ich mich jetzt halten: an die führenden Weihnachtsmänner, an die führenden Weihnachtsfrauen, an die führenden Weihnachtsengel, an die Rauschgoldengel oder an wen?



Mehr Wettbewerb macht das weihnachtliche Einkaufen nicht leichter. Ich glaube, ich folge - im Prinzip - dem Rat, den ein junger Mann (mit einigen Dosen Bier im Einkaufswagen) an der Diskountmarktkasse einer alten Dame erteilte. Die greise Frau wollte einen Wecker aus einem Sonderangebot zurückgeben, der von Anfang an nicht funktionierte. Der junge Mann riet ihr, ihn doch einfach zu Weihnachten zu verschenken. Und in diesem Fall trifft dann die Parole zu, die ein Möbeldiscounter in einem Weihnachtsprospekt ausgibt: 'Nur Schenken ist billiger!'



Advent 2

Advent 3

Advent 4

Foto-Notizblock: Entgrenzung der Bedeutung von Märchenfiguren, Werbeslogans und Öffnungszeiten

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