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Nr. 15/2021, Bremen, den 23.7.2021, Nr. 579,   19 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Werbeplakate als Orte der Verkindlichung (2)

        
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ALLTAG IN BREMEN
FOLGE 0015-21:
WERBEPLAKATE ALS ORTE DER VERKINDLICHUNG (2)




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Dulce est desipere in loco.*
Quintus Horatius Flaccus: Carmina 4, 12, 28

Ich sagte es schon: Das eigentliche Thema dieser Website ist die Erforschung der Beschaffenheit von Wahrnehmung. Mein Augenmerk gilt immer mal wieder den verschiedenen Arten von 'Werbeplakaten'. Das Transparent, das ich hier ein wenig genauer ansehen will, wurde auf der Höhe des 'Viertels' an einer Stelle angebracht, von der man über die Deichwiesen zur Weser hinabsteigen kann.


 


Es ist also von den Wiesen aus weithin sichtbar. Es richtet sich offensichtlich an das Publikum, das zu bestimmten Zeiten und verschiedenen Gelegenheiten auf den Wiesen das tut, was man als 'Party-Machen' bezeichnen könnte.

*Süß ist es, am rechten Ort ausgelassen zu sein.


Transparent am Osterdeich
Transparent am Osterdeich

Überdeutlich tritt auf dem Transparent das großgeschriebene Wort 'Respekt' hervor. Es ist in einer Art Sprechblase schwarz grundiert und wird in der Form dreimal wiederholt. Die Forderung nach Respekt vor wem und was auch immer scheint also ziemlich dringlich zu sein. Unter dem dominierenden Wort Respekt wird dann jeweils in kleineren, schreibschriftähnlichen Buchstaben konkretisiert, vor wem und was Respekt eingefordert wird: '1. 'Lasst die Nachbarn schlafen!' 2. 'Lasst die Flaschen ganz!' 3. 'Benutzt Toiletten!' Allen drei dringlichen Bitten ist rein grammatisch eigen, dass sie sich an ein 'Du', nicht an ein 'Sie' richten.

 
Inhaltlich zielen die Forderungen auf ein Einhaltung von Regeln, die der Mensch eigentlich schon im Kindergarten verinnerlichen sollte, nämlich keinen schlafstörenden Krach zu machen, kein Glas zu zerschmettern und nicht auf den Boden zu urinieren. Aber die Details des Transparentes zeigt ziemlich deutlich, dass die MacherInnen des Banners sich bemüssigt fühlten, auf Zeichen aus der Welt der Kinder zurückzugehen, um das Publikum zu erreichen.

Detail 1 aus Transparent am Osterdeich
Detail 1 aus Transparent am Osterdeich

Das 'Lasst die Nachbarn schlafen!' wurde mit einem schlafenden Löwen illustriert, der in jedem (Vorschul)-Kinderbuch einen ehrenvollen Platz finden könnte. Der Löwe versinnbildlicht zugleich eine untergründige Drohung, mit der man wohl eher Kindern als Erwachsenen Respekt einflössen könnte: Wenn Du nicht ruhig, sprich brav, bist, wacht der Löwe auf, kommt und … Tja … Ein weiteres, eher unscheinbares Detail wird in dieser Ansicht erkennbar: Das Herzchen oben neben dem Wort 'Respekt'.

 
Aus meiner Sicht ist diese Kombination zwiespältig und uneindeutig. Respekt ist gemeinhin etwas, was man mit einem gewissen Nachdruck einfordern muss. Wird ein Herzchen zu dieser Forderung hinzugefügt, wird der Nachdruck 'verniedlicht', fast im Sinne von 'Nun habt mal ein Herz, wenn ihr euch schon nicht benehmen könnt!' oder 'Schließlich haben wir uns doch alle lieb.' Selbst wenn der Löwe droht.

Detail 2 aus Transparent am Osterdeich
Detail 2 aus Transparent am Osterdeich

Die Forderung 'Lasst die Flaschen ganz!' wird mit einer ähnlich kinderbuchartigen Zeichnung unterlegt. Die Aussage der Illustration ist aber 'zeichentechnisch' völlig anders geartet. Das 'Lasst die Nachbarn schlafen!' wurde noch mit einer Darstellung des Opfers, nämlich eines Symbols der ruhebedürftigen und potentiell wehrhaften Nachbarn, verdeutlicht.

  Hier wird nur die Tatwaffe gezeigt. Der Mensch, der der Wirkung einer solchen Tatwaffe ausgesetzt war, bietet sicher keinen Anblick mehr, der Stimmung auf einer Party heben würde
Detail 3 aus Transparent am Osterdeich
Detail 3 aus Transparent am Osterdeich

Die verbildlichte Forderung 'Benutzt Toiletten!' ist in ihrer Zeichensprache komplexer und widersprüchlicher als die beiden vorhergehenden: Zwei junge Männer pinkeln eine Blume an. Ihre Jugend wird grafisch etwas zweifelhaft über die Basecaps vermittelt. Denn: Wer hat denn aber nicht schon jede Menge ältere Männer mit Basecaps gesehen? Einer von den beiden ist von seiner Hautfarbe her das halbe Gegenteil von dem, was man in unseren Breitengeraden und unter Berücksichtigung der künstlerischen Freiheit als 'weiß' bezeichnet. Damit wird wohl gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre/ Jahrzehnte Rechnung getragen im Sinne der konsequenten Abbildung von Einwanderung - in allen Bereichen. Das Opfer der beiden Wildpinkler ist eine Blume, deren Blüte ein stilisiertes menschliches Gesicht trägt, das Merkmale sichtbarer Empörung über den Angriff trägt.

 
Die beiden menschlichen Gestalten sind mit einem großen Kreuz markiert, das in unseren Breiten wohl einigermaßen verlässlich als 'Verbotszeichen' verstanden wird. Aber Blumen werden sich über diese Art von 'Düngung' eher nicht beklagen. Die wahren Leidtragenden des hier dargestellten Frevels sind PassantInnen, denen am nächsten Tag der einschlägige Duft in die Nase steigt, und noch mehr die MitarbeiterInnen etwelcher Dienst, die nach der Party Wiesen und Wege reinigen. Mit einem dieser Dienstleister habe ich gesprochen: Der Mann teilte mir in etwas gebrochenem Deutsch mit, wieviel Arbeit er und seine KollegInnen nach einer Wiesen-Party-Nacht haben. Aber die PassantInnen und erst recht die besagten DienstleisterInnen sind wohl nicht 'transparentfähig'.


Vgl. auch:

Werbeplakate als Orte der Verkindlichung (1)



 
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