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Nr. 8/2012, Bremen, den 13.4.2012, Nr. 348,   10 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Foto-Notizblock: Entgrenzung der Bedeutung von Märchenfiguren, Werbeslogans und Öffnungszeiten


        
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ALLTAG IN BREMEN
FOLGE 008-12:
ENTGRENZUNG VON DER BEDEUTUNG VON MÄRCHEN- FIGUREN, WERBESLOGANS UND ÖFFNUNGSZEITEN




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Werbeplakat, das mit der Mahnung 'Denke dran 'auf einen verkaufsoffenen Sonntag in Bremen hinweist   Werbeplakat, das mit einer verfremdeten Stadtmusikantenfigur auf einen verkaufsoffenen Sonntag in Bremen hinweist

Diese beiden Fotos habe ich Ende März aufgenommen - mit meiner neuen, kleinen Digitalkamera, die ich jetzt fast immer mit mir führe. Sie zeigen zwei Werbeplakate, die auf einen verkaufsoffenen Sonntag in Bremen am 1. April hinweisen. Das linke hat mich in der Erkenntnis bestärkt, dass ich älter werde: Es gibt Werbeslogans, die in meiner Seele vermutlich einen völlig anderen Widerhall erzeugen, als bei Menschen, die die 50ger und 60ger Jahre nicht mit Bewußtsein erlebt haben. Als ich neulich durch das sogenannte 'Viertel' in Bremen schlenderte, blieb mein Auge an diesem Plakat hängen, dessen Slogan mit ''Denke dran:'' begann. In meinem Kopf ergänzte ich sofort ''schaff' Vorrat an''. ''Denke dran, schaff' Vorrat an.'' war der Slogan der ''Aktion Eichhörnchen'' (sic!), die im Jahre 1961 vom Bundes- ernährungsministerium gestartet worden war. Die Menschen in der Bundesrepublik sollten dazu bewegt werden, für Krisen, Katastrophen und einen möglichen Krieg zwischen der Nato und dem (damaligen) Warschauer Pakt einen Notvorrat an Lebensmitteln anzulegen.
 
Die Kampagne fand übrigens keine große Resonanz. Nach der Kuba-Krise witzelte deshalb das Satire-Magzin 'Pardon' in seiner Nr. 4 vom Dezember 1962 auf Seite 17: ''Wenn Fidel droht, kauf Linsen und Brot!''.
 
Heute denkt (fast) niemand mehr an Notvorräte, wenn ein mahnendes ''Denke dran'' ertönt. Die Aufforderung an die BürgerInnen lautet in diesem aktuellen Fall: 'Vergiß nicht, dass Du jetzt auch noch am Sonntag zwischen 13:00 Uhr und 18:00 Uhr einkaufen kannst!' Die Kaufleute der Bremer City, die an das sogenannte 'Viertel' grenzt, wollten sich auf schlichte Ermahnungen nicht verlassen.
 
Sie, die von sich behaupten, sie seien das Original (von was auch immmer), vereinnahmten für ihre Werbezwecke eine Gestalt, die im Original wohl einmal der Esel bei den Bremer Stadtmusikanten gewesen sein soll.
 
Für ein Plakat haben sie diese Märchenfigur in eine Montur gesteckt, die den Eindruck erwecken soll, der Esel sei (natürlich an dem beworbenen verkaufsoffenen Sonntagnachmittag) als kaufkräftiger Tourist in die Hansestadt gekommen.
 
Eine in großer Auflage verteilte 'Sonderveröffentlichung' der örtlichen Tageszeitung trägt als Titelblatt eine fast unveränderte Wiedergabe des Plakats. Auf der Seite 3 findet die Leserschaft ein Artikelchen mit dem Titel ‚Stadtmusikanten in Verlängerung' und dem Untertitel ‚Bremens bekannteste Tiere sind in der City angekommen'. Das kleine Opus ist illustriert mit modisch gewandeten Stadtmusikanten, die schwer mit Tüten, Taschen und Kartons bepackt sind. Diese Zeichnung erzählt dann auch schon fast die dazugehörige Geschichte: Den Bremer Stadtmusikanten sei es vor den Toren der Stadt vor allem mangels Einkaufsmöglichkeiten zu langweilig geworden. Also seien sie mit der Straßenbahn in die City gefahren, um vor großem Publikum zu musizieren und (selbstverständlich auch) einzukaufen. Schließlich seien sie noch ''von den örtlichen Händlern als City-Botschafter verpflichtet'' worden.
 
Diese 'Sonderveröffentlichung' war freilich nur das Schaumkrönchen einer Welle von Prospekten, die den BürgerInnen Bremens in den 14 Tagen vor diesem verkaufsoffenen Sonntag entgegenbrandete, sofern sie sich nicht mit 'Bitte keine Werbung' notdürftig dagegen wappneten. Dem Autor, der diesen Werbemarkt ein wenig beobachten konnte, kam es fast so vor, als stände Weihnachten vor der Tür, der höchste der Hoch- und Festtage allen Konsums. Und damit schloß sich für mich der Kreis: Ich hatte das Gefühl, als werde versucht, ein Maximum an Kaufwillen aus der Bevölkerung herauszulocken, bevor irgendein krisenhaftes Ereignis eintritt, das diese Welt des Konsums ganz und gar zusammenbrechen läßt.

Bitte werfen Sie auch einen Blick auf Charlie Dittmeiers Bilderserie mit Werbeplakaten, die in Phnom Penh quer über die Straße gespannt werden.

siehe auch:

Advent, Folge 1

Foto-Notizblock: Entgrenzung von Öffnungszeiten

Kampfzone Plakat (2)

 
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Freitag, den 27.4.2012

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