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Nr. 9/2020, Bremen, den 1.5.2020, Nr. 547,   18 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Parolen-Seuche (1)

        
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Ich sagte es schon: Das eigentliche Thema dieser Website ist die Erforschung der Beschaffenheit von Wahrnehmung. Es dürfte fast jede/r Mitbürger/In wahrgenommen haben, dass die herrschende Virus-Pandemie viele Menschen angeregt hat, sich durch ein ins Fenster gehängtes Plakat, ein auf dem Grundstück aufgestelltes Schild, ein am Haus befestigtes Transparent oder ähnliches der Öffentlichkeit mitzuteilen.

  Einige Produkte dieses sich fast epidemisch ausbreitenden Mitteilungsbedürfnisses hat der Autor dokumentiert. Nun hat er sie sich ein wenig genauer angesehen. Weitere Ergebnisse dieser genaueren Betrachtung hatte er zum 29. Mai und am 26. Juni veröffentlicht. Passend zum 1. Mai wird in diesen Betrachtungen auch von Menschen die Rede sein, die neuerdings als systemrelevant bezeichnet werden: eine rhethorische Wende, die gewiß bald wieder gewendet werden wird.


Privates Hinweisschild zur Corona-Pandemie
Privates Hinweisschild zur Corona-Pandemie

Diese Idylle habe ich in dem Bremer Szeneviertel festgehalten, in dem eine nicht geringe Zahl wohlhabender AkademikerInnen, StudentInnen und KünstlerInnen wohnen: Ein stabiler Karton ist zu einem Hinweisschild umgewidmet und am oberen Ende eines Pfahls befestigt worden. Der Hinweis besteht im wesentlichen darin, dass der/ die PassantIn darüber aufgeklärt wird, dass in dem Haus hinter dem Schild eine 5er – Wohngemeinschaft wohnt und dass sich diese WG an das wegen der herrschenden Pandemie geltende Verbot hält, mit Außenstehenden innerhalb ihres Grundstückes in Kontakt zu treten. Der Text wird abgeschlossen mit dem Wunsch, der/ die LeserIn möge gesund bleiben. Der Wunsch ist in der zweiten Person Plural, also 'ihr', formuliert und nicht in der förmlicheren dritten Person.

 
Etwas salopp gesagt: Das Schild bleibt nicht auf Distanz, sondern es duzt die angesprochenen PassantInnen. Dazu passen die um den Wunsch plazierten Herzen, die der Leserschaft wohl 'Herz'lichkeit signalisieren sollen. An die Herzen schließen sich Verzierungen an, die fast im Stil kindlicher Malerei stilisiert sind und wohl ebenfalls heitere Empfindungen verbreiten sollen: Verzierung mit fast kindlicher Malerei: eine Blume, eine Sonne und fünf Menschen im Reigen.

Hinter dem Schild sind fast ein wenig wagenburgartig verschiedene Sitzmöbel kreisförmig aufgestellt. Die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum ist jedoch nicht definiert, weder durch einen realen oder symbolischen Zaun, der dem/ der Passantin das gewünschte Abstandhalten erleichtern würde.

Privates Dankplakat in Zeiten der Corona-Pandemie
Privates Dankplakat in Zeiten der Corona-Pandemie

Dieses selbstgemalte Plakat habe ich in einer relativ ruhigen Straße in der Östlichen Vorstadt entdeckt, in der ebenfalls gut situierte BürgerInnen, weniger aber StudentInnen und KünstlerInnen wohnen. Es ist kein Hinweisschild, sondern ein Dankplakat, das vor allem an die 'Briefträger', 'Paketboten' und die 'Müllabfuhr' gerichtet ist. Die Anrede ist 'Liebe …'. Die 'Liebe Müllabfuhr' ist allerdings eine Stilblüte, die sich mit 'Liebes Finanzamt' durchaus messen kann. So nahe scheint den PlakatmacherInnen denn das Milieu der Müllabfuhr doch nicht zu sein, dass sie die korrekte Bezeichnung 'Müllwerker/in' kennen. Das tut der netten Geste, die ja in diesen Krisenzeiten nicht selten gegenüber den nun plötzlich Systemrelevanten gezeigt wird, keinen Abbruch.

 
Die Sternchen, die das Plakat schmücken, sollen wohl eine ähnliche Stimmung verbreiten wie die Verzierung auf dem zuvor besprochenen Schild.

Schmerzlicher ist da schon, dass in der Aufzählung der und die Systemrelevante fehlt, der oder die seine/ ihre Arbeit oft noch unter dem Sternenhimmel tut, nämlich der/ die Zeitungsbote/ in. ''Denn man siehet die im Lichte// Die im Dunkeln sieht man nicht.'' (Ach oller Brecht, ach oller Kurt Weill, ach oller Ernst Busch, ach, ach, ach!)

Und nebenbei: 'Dankeschön' statt 'THANK YOU' hätten auch wohl alle Angesprochenen verstanden.


Vgl. auch:

Parolen-Seuche (2)

Parolen-Seuche (3)

Zu!! oder Geschlossene Gesellschaft

Bitte werfen Sie auch einen Blick auf Charlie Dittmeiers kleinen Bericht vom 29. Juli 2018 über die Geschäftswelt im Zeichen der Corona-Pandemie in Phnom Penh.

 
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Freitag, den 15.5.2020


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