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Nr. 9/2021, Bremen, den 29.4.2022, Nr. 599, 20 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Märchen (1)

        
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Himmel

Über den Wolken - sang einst ein Barde - muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, aber auch nur dort und auch nur vielleicht.

Eine öffentliche Meinung findet sich nur dort, wo es keine Ideen gibt, sagte Oscar Wilde, ein großer Märchendichter.

Wir leben in Zeiten großer, zerstörerischer Unruhe, wenn das Zentrum der Unruhe auch – noch – fern von hier ist. Wie in allen Unruhezeiten seit der Erfindung des Holzspeers sind alle Erzähler bemüht, uns in Wort und Bild zum rechten Verständnis der grausigen Ereignisse zu verhelfen. Nicht so der Autor dieser Seiten: Er möchte die verehrte Leserschaft mit einem Märchen beglücken, das mit besagter Unruhe nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, in fernen Ländern und in vergangenen Zeiten spielt und von vorne bis hinten gelogen und erfunden ist.

Also:
Es lebte einst im Lande Eniarku, das kleine, stolze und mit ein paar Schätzen gesegnete Volk der Eniarkus. Es war ein wenig eingeklemmt zwischen dem mächtigen, reichen Stammesbündnis der Eurokesen und dem gewaltigen und ebenso reichen Volk der Ruriken. Mit den Ruriken teilte es ein Stück weit die Sprache, denn das Eniarkische hörte sich etwas ähnlich an wie das Rurikische, nur klang es ein wenig heiserer. Das kam daher, dass die Eniarkus dauernd ziemlich verschnupft darüber waren, dass die Ruriken sie eigentlich immer noch für Ruriken hielten, obwohl vor undenklichen Zeiten die lange undenkbare und dann plötzlich doch gottgewollte Zeitenwende den Eniarkus die Unabhängigkeit von den zeitenwende-geschwächten Ruriken gebracht hatte. So schien es, weil auch der Stellvertreter aller richtigen Götter auf Erden bei der Zeitenwende ziemlich mitgemischt hatte.

Was sollte also schief gehen? Alles und noch mehr.

Denn den arglistigen Ruriken gelang es doch irgendwann – weiß Gott wie – den Eniarkus einen korrupten Häuptling unterzujubeln, der bereit war, viele Schätze Eniarkus peu á peu an die Ruriken für billig Muschelgeld zu verscherbeln. Das brachte die Eniarkus heimlich auf, aber eben nur heimlich: Die Ruriken gegen sich aufzubringen, indem sie deren willigen Stellvertreter und seine korrupten Gehilfen verjagten, das wollte das kleine Volk nicht wagen. Aber auch der Stammesbund der Eurokesen war empört, allerdings nur darüber, dass die Ruriken den Eniarkus ihre Freiheit nahmen. Von 'Freiheit nehmen' jedenfalls sprachen sie, an ihre Macht und vor allem an die Schätze der Eniarkus aber dachten sie – heimlich. Und so sandten sie – heimlich – Schamanen zu den Eniarkus, die dem kleinen Volk helfen sollten, – so hieß es – seine Freiheit wiederzugeben.

Von Freiheit und Beistand jedenfalls sprachen sie, die Schamanen. Und die Eniarkus hofften im Stillen und mit seltsamem Glanz von eurokesischem Muschelgeld in den Augen, am Reichtum der Eurokesen etwas teilhaben zu können. Plötzlich und erwartet erhoben sich alsbald die Eniarkus am Maifest und und jagten den korrupten Häuptling davon. Die korrupten Unterhäuptlinge freilich wanden sich geschickt heraus und blieben.

Laut feierten die Eniarkus ihre Freiheit und setzten einen beliebten Spaßschamanen als Häuptling ein, der ihren Befreiungshelfern, den Eurokesen, ein wenig gewogen war. Der neue Häuptling setzte sich mit einigen korrupten Gehilfen gleich hin und wog – heimlich und gegen eine kleine Provision – den Eurokesen ein paar Schätze ab, die sie für lau und als Dank für ihre edlen Taten bekommen sollten. Als er von dieser Arbeit arg erschöpft war, trat er vor sein Zelt, rief sein Volk davor zusammen und mit lauter Stimme 'Freiheit, Freiheit!' und noch lauter 'Freibier!'
 
Bald war sein Volk so betrunken von lauter 'Freiheit, Freiheit!' und 'Freibier!', dass es gar nicht bemerkte, dass eine Gesandtschaft der Eurokesen die abgewogenen Schätze mitnahm.

Der Häuptling warf dem Volk auch einen winzigen Teil von der Provision zu. Statt aber glücklich und dankbar zu sein, prügelten sich die Eniarku-Krieger erbittert untereinander um die Brocken. Die Häuptlinge des Eniarkus und die eurokesischen Schamanen sahen's mit Vergnügen und dachten sich: Wenn sie sich untereinander prügeln, prügeln sie uns nicht.

Das alles freilich blieb den Spähern der Ruriken nicht verborgen, die immer noch unter den Eniarkus – heimlich und gegen gutes Muschelgeld – tätig waren. So kam es, dass dem großen Rurikenhäuptling auch nicht verborgen blieb, dass der Eniarku-Häuptling mit seinen korrupten Gehilfen aus lauter Freiheitsliebe und Dankbarkeit und gegen eine kleine Provision immer weiter Schätze an die Eurokesen aushändigte.

Schließlich aber schwoll unversehens das Gesicht des großen Rurikenhäuptlings an vor Neid, Gier und Zorn und er rief seine Männer zusammen. Seine Rede, die nur unvollständig überliefert ist, soll Worte wie Freiheit für … , Brüder (Schwestern waren unwichtig), Auferstehung des Reichs der Väter (Mütter waren unwichtig) und Beil enthalten haben. Von Macht und von Schätzen war nicht die Rede. Gewiß ist, dass er seine qualmende, lange Pfeife auf dem Knie zerbrach und dass im Lande Eniarku bald Qualm aufstieg. Ein unerhörter Vorgang, der allen ungeschriebenen Regeln aller Stämme widersprach und doch seit Urzeiten der furchtbare Regelfall war.

Vor dem Qualm und Feuer flohen viele Eniarkus zum Stammesbund der Eurokesen, etwa zu den Almanaken, aber auch zu anderen Manaken. Den Almanaken war das sehr recht. Es kam den Großalmanaken, den reichen und mächtigen Almanaken, so vor, dass ihre Diener, teils Fremdlinge, teils frühere Kriegsgefangene und teils Unberührbare ihres eigenen Stammes waren ziemlich anmaßend und faul geworden seien. Sie jagten das - wie sie es nannten - Gesindel fort ins Grasland und nahmen die verqualmten und abgerissenen Eniarkus in ihre Gesindezelte auf. Die Eniarkus bekamen also Logis und schmale Kost und mussten dafür stramm arbeiten. Sie hatten keine Wahl. So konnten sich die Großalmanaken bereichern, ohne die Schätze des Landes Eniarku rauben zu müssen. Allenthalben erklangen in den Gebieten der Eurokesen Loblieder auf den Fleiß der neuen Diener, auf den Freiheitskampf der Eniarkus und Schmählieder gegen die Herrschsucht, Grausamkeit und den Größenwahn des Rurikenhäuptlings.Von Macht und von Schätzen war nicht die Rede, die Eurokesen rieben sich aber die Hände, je länger Qualm und Rauch in Eniarku aufstiegen: Sie witterten gute Geschäfte mit dem Verkauf von Zelten, wenn irgendwann alle Feuer erloschen waren. Im Lande Eniarku selbst sah man freilich nichts mehr von den Eurokesen, aber man hörte allenthalben das Wehklagen der Mütter, auch bei den Ruriken.

So: Bis hier hin also gesponnen und gelogen. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich dem Publikum in diesen schweren Zeiten nicht einen Bären aufgebunden hätte, natürlich keinen rurikischen Bären und auch keinen eurokesischen und erst recht keinen eniarkischen, sondern meinen ureigensten, ganz kleinen, klein-mexikanischen Bären. Jetzt stehe ich hier mit meinem kleinen Bären zur Seite und mit einem großen Schild gewappnet (nein, nicht bewaffnet) zwischen allen drei großen Bären. Und es geht mir nicht schlecht.

vgl. auch:

Wendungen (1)

Nachwahlgedanken

 
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