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Nr. 25/2021, Bremen, den 10.12.2021, Nr. 589, 19 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Umbrüche (24)

        
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Straßenbahn mit sich schließenden Türen
Straßenbahn mit sich schließenden Türen


Vor einigen Tagen fuhr mit der Straßenbahn aus dem hiesigen 'Szeneviertel' nachhause. Ich stand im Gang. Neben mir saß ein – aus meiner Sicht – junger Mann, dem man mit einiger Phantasie vielleicht ansehen konnte, dass er Einwanderer ist oder aus einer Einwandererfamilie kommt. Er bot mir seinen Sitzplatz an. Ich lehnte das Angebot freundlich ab. Ich stehe manchmal eben lieber.

Kaum war der Dialog zwischen dem Mann und mir beendet, sprach mich eine vor mir stehende Frau in ziemlich bestimmten Ton an und versuchte mir klarzumachen, dass ich dass Angebot hätte annehmen müssen. Der junge Mann sei eben zur Höflichkeit erzogen worden und verstehe auch aufgrund seiner – von ihr behaupteten – mangelnden Sprachkenntnisse und seines anderen kulturellen Hintergrundes nicht, warum ich das Angebot nicht angenommen habe. Ich teilte ihre Einschätzung nicht und beschied ihr, dass ich – wie jeder andere Mensch – einen beschränkten Anspruch auf freien Willen habe. An der nächsten Haltestelle ging die Frau an mir vorbei um auszusteigen. Auf halbem Wege zur Tür rief sie noch in meine Richtung, dass ich viele negative Energie (was auch immer das sein mag) ausstrahle.

An der nächsten Station stieg ich aus wie auch der besagte junge Mann, zu dem sich noch ein Bekannter gesellte. Der Bekannte meinte, die Frau habe den jungen Mann ziemlich herabgesetzt, indem sie ihm unterstellt habe, er würde mich nicht verstehen.

 
Das kurze Gespräche, das wir dann zu dritt führten, zeigte deutlich, dass der junge Mann des Deutschen durchaus mächtig war und meinen Wunsch, weiterhin zu stehen, durchaus verstanden hatte.

Dieses Erlebnis rief die Erinnerung an ein weiteres, länger zurückliegendes wach. Der Ort des Geschehens war der Platz vor einem Supermarkt. Dort saß ein etwas elend aussehender, junger Mann stumm vor einem Pappbecher, mit dem er Geld einsammelte. Ich sprach ihn an. Er antwortete mir mit leichtem süddeutschen Akzent, er habe einen schweren Arbeitsunfall gehabt, sei nicht wieder ins Erwerbsleben gekommen und schließlich 'auf der Straße' gelandet. Ich gab ihm einen kleinen Obolus.

Da mischte sich eine Frau ein und beschied mir ungefragt, dass sie dem Mann keinesfalls etwas gegeben hätte, sondern eher einer etwas entfernt stehenden Frau, die die vorbeigehende Kundschaft mit hartem Akzent aufforderte, ihr eine Zeitung abzukaufen. Schließlich – so ihre Begründung – tue die Frau etwas für das Geld, das sie einnehme, der jungen Mann aber nicht.

Unwillkürlich muss ich, da ich dies schreibe, an die berühmte Formel 'Fördern und Fordern' denken, die der Öffentlichkeit als dauernde Begleitmusik zu den bekannten Hartz-IV-Gesetzen eingehämmert wurde.

Ich rufe: Erbarmen, Leute, Erbarmen!

vgl. auch:

Neues aus dem Viertel (2): Von Armut und Bettelei

Umbrüche (23)

 
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am Freitag, den 24.12.2021

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