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Nr. 5/2007, Bremen, den 15.3.2007, Nr. 233  10 Jahre Jan Frey, Verlag: Danksagung

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Fürs Netz schreiben 20
Writing for the web 20  English version 

        
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Und so ist das mit den Träumen, man muss viel dafür tun, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
 
Oliver Wennigies: Karl-Heinz, Eine Weihnachtsmannreise. Hamburg 2000


Schreiben verändert nicht die Welt, aber oft den Schreibenden. Ich habe allein im Internet mittlerweile umgerechnet über 800 Schreibmaschinen-Seiten à 2000 Anschlägen veröffentlicht. Dazu kommen noch einmal knapp 200 Schreibmaschinen-Seiten in gedruckten Veröffentlichungen.Diese etwa tausend Seiten haben fast ausschließlich die penible Dokumentation des Alltags in der Großstadt Bremen zum Thema.
 
Ich habe meistens nicht den Alltag beschrieben, der für die Tages- und Wochenzeitungen interessant ist, also die besonderen Menschen, die Unfälle, die Jubiläen, die Skandale. Ich habe versucht, die Menschen, die nicht hervortreten, das Unsensationelle, das ständig Wiederkehrende, den Trott zu beschreiben.
 
Nach fast zehn Jahren solchen Tuns beginnt dieser in meiner Seele angesammelte Stoff aufzubegehren.
 
Das Aufbegehren hat viele Gründe. Dem vermeintlich grauen Alltag unserer Städte wohnt auch eine irrlichternde Dämonie inne. Der anhaltende, starre Blick auf den Trott führt zur Einsicht, dass hinter manchem scheinbar glatten Ablauf auch viel Widersprüchliches, nicht selten gar Zerstörerisches lauert. Ich verlinke meine Kolumen auch vielfältig untereinander. Das erzeugt auch in meinem Geist und in meiner Seele dauerhaftere gedankliche Verbindungen, die sich auf die Dauer zu Erkenntnissen kumulieren.
 
Erkenntisse über tiefsitzende Widersprüche und wirksame zerstörerische Kräfte werden auf die Dauer zu Belastungen, mit denen ich leben muß. Seltsamerweise haben diese Belastungen in meiner Seele in jüngster Zeit eine Vorstellungskraft freigesetzt, von denen ich bisher nicht wußte, dass sie vorhanden waren.
 
Detailansicht eines Computers

 
Dazu kommt ein anderer Umstand. Ich stamme aus einer Familie, in der es etliche kleine Handwerker, Kaufleute und Angestellte gab. Fast allen Vorfahren war das Phantastische verdächtig, die soliden Möglichkeiten des Alltags jedoch vertraut. Ich habe eigentlich mein ganzes bisheriges Leben lang geschrieben. Doch der erdrückend große Anteil des Geschriebenen war der peniblen Beschreibung des alltäglichsten Alltags geschuldet. All das kommt mir jetzt wie eine lange Bußfahrt vor, die ich hinter mich bringen mußte, um die Vorfahren mit meinem Tun zu versöhnnen.
 
Jetzt aber ist eine mögliche, zukünftig entstehende Schuld abgebüßt, die ich auf mich laden könnte, indem ich den Realitätsinn der kleinen Handwerker, Krauter und untergeordneten Angestellten mißachte und über Erfundenes schreibe. Es ist jedoch nicht zu befürchten, dass Sie an dieser Stelle jetzt plötzlich literarische Werke anstelle von Berichten über den Alltag in der Vorstadt finden werden und schon gar nicht auf den ersten Klick.


Fürs Netz schreiben (19)

Fürs Netz schreiben (21)

Bitte lesen Sie auch Charles Dittmeiers Tagebuchnotiz vom 14. September 2002 über einen ganz konkreten Abgrund in einer Straße in Phnom Penh. Der Link führt auf den letzten Artikel des Jahres. Bitte nach unten scrollen!

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