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Nr. 15/2015, Bremen, den 24.7.2013, Nr. 433,   13 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Aus dem Redaktionsstübchen (3)


        
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Eine über achtzig Jahre alte Bewohnerin unseres Quartiers hat sich neulich verplappert. Sie wußte nicht, dass sie mit meiner Frau sprach, und bezeichnete mich ihr gegenüber als 'Schreiberling'. Der Duden erklärt die Bedeutung dieses Wortes mit 'Autor[in], der bzw. die schlecht [und viel] schreibt'. Der Schreiberling befindet sich damit in guter Gesellschaft schlecht beleumundeter Unberührbarer wie Lüstling, Häftling, Sonderling, Feigling oder Fiesling.
 
Der 'Schreiberling' ist aber ein minder schwerer Fall, fast schon 'niedlich', ja niedlich genug, um für mich Anlaß zu sein, mir Gedanken darüber zu machen, wie denn die Tätigkeit des Schreiberlings ansonsten in meiner unmittelbaren Umgebung gesehen wird.
 
Es ist ein klarer Fall: Ich lebe ohnehin schon etwas zurückgezogen. Auf meine Texte und Fotos werde ich im Quartier fast nie angesprochen. Selbst wenn im Weser-Kurier alle Jubeljahre mal eine Rezension erscheint, schweigt die Umgebung eisern. Die Tätigkeit eines Schreiberlings in ihrer Mitte beschäftigt die Menschen scheinbar überhaupt nicht.Mich hat das Desinteresse bisher auch nicht beschäftigt, bis zum Vorfall mit dem 'Schreiberling'. Er hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, auf welche meiner Tätigkeiten denn zum Beispiel die Nachbarn reagieren.
 
Wenn ich unser Haus streiche, werde ich als 'fleißig' gelobt, auch von Leuten, deren Urteil ich gar nicht erbeten habe. Wenn ich von einem handfesten Brotjob nach Hause komme, werde ich respektvoll gegrüßt. Aber als Autor und Fotograf bin ich ein Unberührbarer.
 
Nun habe ich mich in eben jenen beiden Berufen gerade dem gewidmet, was die Menschen alltäglich umgibt, nämlich der von der Straße aus erkennbaren städtischen Welt und ihren BewohnerInnen. Ich gebe die Oberfläche dieser Welt wieder, das, was man ohne große Mühe sehen und vielleicht auch anfassen kann. Ich entwickele keine komplizierten Theorien über die Welt. Ich beschreibe sie aus meiner Perspektive. Vielleicht komme ich den Menschen damit aber schon zu nahe. Und bin deshalb unberührbar.
 
NB, 1.10.2015: Die etwas unbeholfene Bezeichnung 'Schreiberling' mag ihre Wurzel auch darin haben, dass ich weder echter Juournalist noch echter Dichter, sondern eben 'Dokumentarist' bin, was fast so schön klingt wie 'Schreiberling'.


Aus dem Redaktionsstübchen (1)

Aus dem Redaktionsstübchen (2)

Aus dem Redaktionsstübchen (4)

Aus dem Redaktionsstübchen (5)

Aus dem Redaktionsstübchen (6)

 
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