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Folge 6/2004, Bremen, den 12.02.2004 (Nr. 138)    2 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung
English summary
        
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Ich kenne einen Menschen, der in einer großen westdeutschen Stadt Zeitung austrägt. Er hat mir davon erzählt, wie er die Stadt am frühen Morgen erlebt. Diesen Bericht habe ich aufgezeichnet und hier wiedergegeben.
 

Eine Tageszeitung auszutragen, ist eine schöne Arbeit. Der Zeitungsbote bewegt sich in einer Welt, die anderen Menschen normalerweise verschlossen ist. Es ist die Welt der stillen, frühmorgendlichen Strassen. Ich möchte Sie heute in diese Welt einführen.
 
'Mein' Bezirk ist eine Straße zwischen zwei großen Ausfallstraßen. Dort wohnen Menschen, die in der Regel nicht gerade in einer Fabrik Nachtschicht schieben müssen. Wenn ich von einen Ausfallstraßen in 'meine Straße' komme, stelle ich mein Fahrrad an einen Zaun und wärme mir im Winter erstmal am Körper meine Hände. Ich horche in die Stadt hinaus und höre ein Rauschen. Es ist das 'ewige' Grundrauschen der Stadt.
 
Hauptbestandteil dieses Rauschens dürfte der Verkehrslärm sein, der nie ganz verstummt. Zum Verkehrslärm gehört auch das Grollen der Züge, die über die verschiedenen Schienenstränge in der Stadt rollen. Später, wenn ich schon unterwegs bin, hebt sich aus dem Grundrauschen auch schon einmal das Heulen einer Straßenbahn hervor. Wenn der Wind günstig steht, erklingt von irgendwoher auch schon mal das Schlagen einer Kirchturmuhr. Oft treffe ich, noch bevor ich losgehe, A., einen Studenten von der Elfenbeinküste, der hier andere, überregionale Zeitungen austrägt. Wir wechseln ein paar Worte auf Deutsch oder Französisch.
 
Ich setze mich in Bewegung. Der Vorderreifen verabschiedet sich leise quietschend vom Zaun. Dann rollt das Fahrrad fast geräuschlos davon. Manchmal knirscht etwas Sand unter den Reifen. Die hölzernen Rückseiten der Packtaschen klappern gelegentlich gegen den Rahmen. Ich höre den dumpfen Schall meines Tritts.
 
Ich stelle mein Fahrrad wieder ab. Ich öffne eine Packtasche. Das Tuch flattert geräuschvoll. Die metallene Verstärkungskante schlägt dumpf auf der gegenüberliegenden Tasche auf. Ich ziehe Zeitungen hervor. Beim Herausziehen verusachen sie ein leises Rauschen. Dann knistern sie in der Hand. Ganz selten erreicht mich jetzt ein Lebenszeichen aus einem nahegelegenen Haus: Ein Wecker piept. Eine Dusche rauscht. Wenn jetzt irgendwo eine Haustür oder eine Garage geöffnet wird, ist das Quietschen oder Scharren auf hundert oder zweihundert Metern zu hören.
 
Ich werde zum Musikanten. Ich befreie die Dreiklänge, die in den Scharniere so mancher Pforten lauern. Ich betätige das Schlagwerk der Schlösser. Welche Vielfalt von Instrumenten steht bereit: Wie ein riesiger, gedämpfter Gong fällt eine Pforte hinter mir zu. Ein anderes Schloss scheppert hell, selbst wenn ich es noch so behutsam schließe. Ein anderes Tor erzeugt beim Zufallen leise, tiefe, immer schneller werdende Schläge wie ein großes Tamburin. Andere Türchen fallen leise klackend ins Schloß. So manches verzogene Gatter muß ich aber auch über das Pflaster schieben. Es sträubt sich scharrend, muss mich aber schließlich doch durchlassen.
 
Die Wege sind keine solche Sensation wie die Pforten: Meistens tönen die Arbeitschuhe dumpf auf dem Pflaster. Aber der noble Stadtteil, in dem ich arbeite, wäre nicht nobel, wenn es nicht wenigstens einen Kiesweg zu bieten hätte, auf dem sich der Bote nur unter dem ehrfurchgebietenden Knirschen der Steinchen bewegen kann.
 
Manchmal sind die Wege zu den Briefkästen so eng, dass ich mich geräuschvoll an einem Busch vorbeizwängen muss, um mein Ziel zu erreichen. Die Treppen zu den Haustüren bieten nur wenig akustische Abwechslung. Einige wenige antworten dem Tritt mit einem ganz tiefen, schwingenden Bass. Spätestens jetzt ist hier und da ein Klicken zu vernehmen: Der Bewegungsmelder hat das Licht angeschaltet.
 
 
Collage Mann und Zeitungstragetaschen
 
Collage: Mann (negativ) vor einer Fahrradtasche zum Zeitungsausstragen
 
Jetzt stehe ich vor dem Briefkasten oder der Haustür und kann das Register der vielfältigen Klappen bedienen. Wenn ich die Zeitung durchstecke, stosse ich mit ihr gelegentlich die rückwärtige Klappe eines Türbriefkastens auf. Die Klappe schlägt dann mit einem mehr oder weniger lauten Knall gegen die Tür. Mit einem Rascheln fällt die Zeitung in den Flur. Die leichten Aluminiumklappen erzeugen ein 'billiges' blechernes Geräusch, wenn sie zufallen. Ähnlich schließen die amerikanischen Mailboxen mit einem trockenen Schnarren, das an Keksdosen aus Weißblech erinnert. Vornehmer sind dagegen die schweren Messingklappen anderer Türschlitze. Besonders wenn sie von innen mit Filz beklebt sind, schließen sie sich erstaunlicherweise fast geräuschlos. Manche Haustüren lassen sich auch öffnen. Sie führen in eine Diele, die durch eine weitere, abgeschlossene Tür vom übrigen Haus abgetrennt ist. Wenn ich die Zeitung dort auf den Steinfußboden werfe, entsteht fast immer ein kleiner Knall.
 
Manchmal treffe ich auch Menschen, zum Beispiel Herrn K. Er kommt um diese Zeit von seiner Freundin zurück in seine Wohnung, um von dort bald wieder zu seiner Arbeit aufzubrechen. Wir halten ein kleines Schwätzchen über dies und das, nicht nur über das Wettter. Herr K. ist ein für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich höflicher Mensch, der nicht immer nur auf sich selbst schaut, sondern auch Rücksicht auf andere nimmt. Deshalb ist die Begegnung und das kleine Gespräch mit ihm für mich fast immer eine kleine Wohltat. Neuerdings begegne ich ab und zu bei einem der wenigen Blocks in der Straße einem Herrn mittleren Alters, der in einer großen Fabrik arbeitet und zur Frühschicht eilt. Wir grüßen uns.
 
English summary:
In the early morning I distribute newspapers. When I am doing my job, I can hear different noises. The central station is more than a mile away from 'my street'. But I can hear trains rolling through the station. My bike makes faint noise. Newspapers rustle. Gates squeake in different manners. Postboxes rattle in different ways. Now and then I stumble over people.
 
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wird fortgesetzt
Vgl.:

Bitte schauen Sie sich auch
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