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Folge 10/2004, Bremen, den 18.03.2004 (Nr.142)   2 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung
English summary
        
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Wir leben in einer Zeit äußerster Wißbegier. Alles wird untersucht, Menschen wie Dinge. Da wir nicht mehr fähig sind, große Geschichte zu machen, sammeln wir die Krümel der kleinen mit einem Eifer, der unsere Hochachtung für einen Briefmarkensammler ins Unermeßliche steigen läßt.
 
Gaspard Félix Tournachon (1820-1910), genannt 'Nadar': 'Quand j´ étais photographe', Paris 1900, S. 191

06.03.2004
Seit gestern bin ich wieder 'ohne Nachrichten'. Die Reserveexemplare, die ich nach dem Austragen der Zeitung noch übrig habe, werfe ich ungelesen weg. Nachdem ich sie heute ins Altpapier geworfen hatte, überkam mich eine Ruhe, die einem warmen Schauer glich. Nach dem Frühstück habe ich ein paar Kurzgeschichten gelesen.Lange, lange habe ich keine Literatur mehr genossen, es sei denn von irgendwelchen Hörkassetten. Aber auch hierhabe ich 'den Stecker herausgezogen'.
 
08.03.2004
Es ist schon erstaunlich, wieviel ich plötzlich an Redaktionsarbeit am neuen Heft schaffe, jetzt da ich weder Zeit für Nachrichten-Aufnehmen noch Kraft für das Nachrichten-Verarbeiten brauche.

unplugged 1 negativ
 
11.03.2004
Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich im Internet von Seite zu Seite hüpfe, ohne eigentlich dringend etwas Bestimmtes zu suchen. Die Nachrichtenseiten aller Art umgehe ich aber schon. Auf dem Weg vom Einkauf wird mir das Suchthafte dieses Verhaltens richtig klar. Meine Gedanken wandern zu den Nachrichten, die ich vor der selbstverordneten Sperre aufgenommen habe. Plötzlich erkenne ich, dass die ganze Stadt voller Orte ist, die ich mit Gewinn selbst aufsuchen könnte, um etwas über die Lage der Gesellschaft zu erfahren. Ich beschließe, die Sperre für mindestens mehrere Monate zu verhängen.
 
14.03.2004
Wieder wandern meine Gedanken zu den Nachrichten, die ich vor der selbstverordneten Sperre aufgenommen habe. Ein Artikel von Thomas E. Schmidt aus dem Feuilleton der Wochenzeitung 'Die Zeit' vom 12.02.2004 über das Verhältnis von Kunst, Kultur und Gesellschaft in der heutigen Zeit kommt mir wieder in den Sinn. Ich lese den Artikel noch einmal genauer. Ich fühle mich befreit. Lange hatte ich mich immer wieder mit der Frage gequält, ob ich mit meine Arbeit zu dieser und jener Erscheinung in der Gesellschaft entschieden Stellung nehmen soll. Immer hatte sich etwas in mir dagegen gesträubt. Immer wieder hatte ich mich selbst ermahnt: 'Aber du mußt dich doch engagieren!' Ich muß es nicht. Ich quäle mich schon genug, wenn ich nur penibel beschreibe. Diese Qual ist Engagement genug. Durch Sich-Engagieren Macht ausüben zu wollen, geht über meine Kraft. Zudem macht mich bewußte Parteilichkeit beschränkt. Freilich ist das bloße Beschreiben, das intensive Nachforschen ohne Blick auf die Verwertbarkeit der Ergebnisse auch eine Lust, die für manche Qual, die ich dabei erleide, entschädigt.
 
unplugged 2 negativ
 
Ich habe mich immer wieder habe ich mich gefragt, warum ich die Nähe zum hiesigen Kulturbetrieb meide, insbesondere dem staatsnahen und noch insbesonderer dem kulturhauptstadtsnahen. In dem Artikel finde ich den Ansatz zu einer Antwort: Ich mache überhaupt keine Kultur, ich mache in einem neuen, relativ jungen Medium ein kunstähnliches Produkt. Ich kann nur von kunstähnlichem Produkt reden, weil in diesem Medium noch gar nicht so recht definiert ist, was Kunst und was Kultur eigentlich ist.
 
Ein künstlerisches Element aber ist meiner Arbeit eigen: Mir geht es auch,'um eine andere Weise wahrzunehmen, zu fühlen, vielleicht auch zu denken'. Die andere Weise des Wahrnehmens besteht bei mir lediglich im Versuch, möglichst geduldig und genau hinzusehen. Andererseits fehlt meinen Arbeiten jene 'gewisse kalkulierte Sturheit, um an einem starken alternativen Verständnismuster der Wirklichkeit zu arbeiten.' Ich habe - wenigstens bewußt - kein Verständnismuster zu bieten.
 
15.03.2004
Ein Redakteur der Bremer TAZ, Abteilung 'Kultur', ruft mich an, ob ich neben anderen 'Akteure(n) und Kenner(n)der Bremer Kulturszene' drei Fragen zum 'Stand der Dinge'in Sachen 'Kulturhauptstadt' beantworten will. Ich sage nach kurzer Bedenkzeit freundlich, aber bestimmt ab. Ich fühle mich nicht zuständig, nicht sachkundig genug und zu phantasielos, um die zum Teil etwas surrealen Fragen zu beantworten.
 
 
unplugged 1 positiv
 
16.03.2004
In der nachrichtenlosen Ruhe wird mir erst recht klar, dass ich mit meiner Publikation in einem neuen Medium etwas verloren in ziemlich unfruchtbarer Landschaft weit vorneweg marschiere. Damit muß ich mich abfinden und versuchen mir, mit meiner Verlorenheit allein zurecht zu kommen. Bremen liegt in der Zahl der Internetanschlüsse nun nicht gerade an der Spitze der Bewegung, nämlich vor Mecklenburg-Vorpommern an vorletzter Stelle (Stand 2003, lt. Auskunft des statistischen Landesamtes). Die hiesigen Tages- und Anzeigenzeitungen setzen vorwiegend noch auf das Papierformat. In ihren Internet-Ausgaben - so vorhanden - sind Bilder und Links gegenwärtig eher noch Raritäten. Das Internet ersetzt zum Teil auch schon die Leistungen funkgebundener Medien. Andererseits passen die Sender einen Teil ihrer Leistungen den Formaten des Internets an. Wie beeinflussen solche Umstände das Verhältnis von (insbesondere altgedienten)RedakteurInnen dieser 'traditionellen' Informationsquellen zu anders gearteten, neuen Medien? Ist das Internet schon Teil unserer Kultur? Und wenn ja, welcher Teil dieses neuen Mediums ist Teil unserer Kultur?
 
unplugged 2 positiv

17.03.2004
Ohne Nachrichten beginnt mein Blick zu wandern. Wie sehe ich? Wie schreibe ich es auf? Bisher war meine Masche das Vergleichen. In der Ruhe des Nachrichtenlosen kommt mir auch der Gedanke, dem nachzugehen, was man nicht so ohne weiteres sieht und was doch vorhanden ist. Warum sieht man zum Beispiel kaum, dass diese Gesellschaft ein Problem mit Arbeitslosigkeit hat?
 
18.03.2004
Morgens beim Zeitungaustragen werde ich bedächtiger. Ich lasse mir Zeit. Ich werde ohnehin rechtzeitig fertig. Ich höre genauer hin, wie sich die Vögel über den Gustav-Pauli-Platz hinweg unterhalten. Einen virtuosen Sänger, der dauernd seine Tonfolgen variiert, kann ich sogar im Dämmerlicht auf einer Dachgaube ausmachen.
 
Mir wird klar, dass ich mit meinen teilweise relativ kurzen Texten für das Internet einen kleinen Beitrag zur Entwicklung von Sprachstilen für dieses Medium leiste. Klein ist der Beitrag auch deshalb, weil meine Seiten doch noch erkennbar dem alten Zeitungsformat angelehnt sind. Durch die internen Verweise wird meine Website aber zu einem gedachten, dichten Gesamttext, ein ästhetisches Phänomen, das das Papierformat nicht zu bieten hat. Die Website ist darüber hinaus in den 'Gesamttext Internet' eingebunden. Diese Gesamttexte wirken auch auf mich als Autor zurück. (vgl. Kolumnen 'Fürs Netz schreiben 1' ff.)

English summary:
Now and then I am living without news for a few weeks or months. A long, long time ago I already unplugged tv and radio. A few days ago I read an old article from the newspaper 'Die Zeit'. The theme of this article was the relationsship between art and culture today. While I was reading the article, I began to unterstand my situation: I am producing a kind of art for the new medium internet. This kind of art has got nothing to do with the cultural scene. I recognize, that I am doing a very lonely job.(see: col. 'Without news 12')

 
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vgl. auch:

Gehör finden (6)

Ohne Nachrichten (1)

Ohne Nachrichten (2)

Ohne Nachrichten (3)

Ohne Nachrichten (4)

Ohne Nachrichten (5)

Ohne Nachrichten (6)

Ohne Nachrichten (7)

Ohne Nachrichten (8)

Ohne Nachrichten (9)

Ohne Nachrichten (10)

Ohne Nachrichten (12)

Ohne Nachrichten (13)

Ohne Nachrichten (14)

Ohne Nachrichten (15)

Ohne Nachrichten (16)

Ohne Nachrichten? (17)

Nächste Folge 'Alltag in Bremen':
Donnerstag, den 25.03.2004


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