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Nr. 4/2021, Bremen, den 19.2.2021, Nr. 568, 19 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Umbrüche (22)

        
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22.12.2020, Peterswerder: Alte Schlittschuhe auf dem Gehweg
22.12.2020, Peterswerder: Alte Schlittschuhe auf dem Gehweg

Der Anblick dieser Schlittschuhe, die jemand kurz vor Weihnachten 2020 an die Straße gestellt hat, ist wie ein kleiner Blitz in mein Hirn eingeschlagen und hat etliche Gedankenströme ausgelöst. Der erste Strom war die Vorstellung, dass da jemand endgültig die Hoffnung aufgegeben hat, dieses Sportgerät noch einmal benutzen zu können. Angesichts der milden Winter, die kaum noch dauerhaft zugefrorene Gewässer hervorbringen, war das sicher keine völlig abwegige Gedankenverbindung.

Andererseits scheint die Person auch noch gegenteilige Hoffnungen gehabt zu haben, wenn auch nicht für sich, dann doch für andere Menschen, von denen sie annahm, sie könnten noch einmal irgendwo auf Kufen herumflitzen. Für Eislaufhallen mit Kunsteis kann diese Aussicht in diesem Jahr in Zweifel gezogen werden, denn, ob sie angesichts der bekannten Pandemie im üblichen Maße geöffnet sein werden, ist aus meiner Sicht – freundlich gesagt – nicht so ganz sicher.

Der zweite Strom entführte mich blitzartig in meine Kindheits-, Jugend- und frühen Erwachsenenjahre. Ich erinnere mich daran, dass ich auf Schlittschuhen über zugefrorene Gräben im Dorf gefahren bin. Das war in den 50ger und 60ger Jahren des vorigen Jahrhunderts durchaus noch ein reguläres Wintervergnügen.

Es gibt Fotos von mir, auf denen ich wahrhaftig aus einem Iglu schaue, den ich – wohl mit Hilfe der Erwachsenen – gebaut hatte. Die Schneeschmelze zum Frühling hin erstreckte manchmal über Tage. In meiner Nase kann ich noch den Geruch der tauenden Erde wachrufen, die langsam unter der schwindenden Schneedecke hervorkam.

Tief in mein Gedächtnis hat es sich eingegraben, dass ich als jüngerer Erwachsener eine große Schneewehe vor der Tür wegschaufeln musste, um in unser Haus hier in Bremen zu gelangen.

Das ist nun freilich schon lange nicht mehr vorgekommen. Wohl ist im vergangenen Jahrzehnt noch Schnee gefallen und Frost hat es auch gegeben, aber das alles geschah doch in zunehmend bescheidenerem Maße.

Der eigentliche Blitz, der da in mein Hirn gefahren ist, ist durch das sich plötzlich entfaltende Bewußtsein gezündet worden, wie schnell sich die Unterschiede zwischen dem entwickelt haben, was wetterbezogen vor sechzig, fünfzig, dreißig und zehn Jahren im Winter die Regel war. Und in diesem Augenblick hat sich der Blitz zum Schrecken entwickelt.

Dann habe ich mir das Foto noch einmal genauer angesehen. Im Hintergrund sind zwei Autos zu sehen. Wieder habe ich mich erinnert. Meine Familie hatte - wie etliche andere Familien im Dorf - kein Auto und hat doch alles organisieren können, damit die Familie versorgt war. Es gab drei Lebensmittelläden im Dorf. (Sie sind alle verschwunden. Dafür gibt es jetzt in den Randbezirken der Kreistadt Supermärkte.)

Es gab den Bus, der in die nahegelegene Kreisstadt fuhr. (Heute ist das Dorf Teil der Kreisstadt und an das Busnetz des Stadtverkehrs angeschlossen.) Wir hatten Fahrräder. Heute gehört der Besitz eines Autos fast zu den Grundrechten.
  Die Abgase aus der Verbrennung des Benzins und Diesels haben im vergangenen wie im laufenden Jahrhundert die Atmosphäre u.a. mit Kohlenstoffdioxid aufgeladen. Unser damaliger Haushalt hat allerdings auch ohne Auto zu dieser Aufladung mit beigetragen: Lange Zeit wurde mit nur Kohlen, Briketts, Holz und sogar Torf geheizt. Soviel zur guten, alten Zeit.

Und nun zu den Überraschungen der Jetzt-Zeit. Am 31.1.2012, also gut einen Monat, nachdem ich das Bild mit den Schlittschuhen aufgenommen hatte, lag an der dokumentierten Stelle eine dünne Schneedecke:

leicht verschneite Fundstelle der Schlittschuhe Ende Januar 2021

Und nur eine Woche später (8.2.2021) lag Bremen unter einer ziemlich dicken Schneedecke:

verschneites Klein Mexiko Anfang Februar 2021

Und die Menschen in Klein-Mexiko hatten ordentlich zu tun, wenn sie die schmalen Wege freihalten wollten. Die Schlitten wurden aus den Kellern geholt. Und auch Schlittschuhe dürften irgendwann reaktiviert worden sein, denn es herrschte Dauerfrost.

Am 10. Februar habe ich die Fundstelle der Schlittschuhe noch einmal dokumentiert:

verschneite Fundstelle der Schlittschuhe am 10. Februar 2021

Das kleine Mäuerchen unter der Hecke ist hinter dem beiseite geräumten Schnee verschwunden. Die Szenerie gleicht der in Klein-Mexiko.
Neun Tage später war alles schon wieder weg: Dauerfrost, ja sogar Nachtfrost und natürlich der Schnee.

vgl. auch:

Umbrüche (21)

Umbrüche (17)

Wakan oder Umbrüche (12)

Foto-Notizblock: Mehr!! (6)

Fotonotizblock: Lieferdienste und Elektromobilität

 
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