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Nr. 10/2016, Bremen, den 13.5.2016, Nr. 454,   14 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

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Ich sagte es schon: Das eigentliche Thema dieser Website ist die Erforschung der Beschaffenheit von Wahrnehmung. In den letzten Monaten habe ich wahrgenommen, dass Armut und Sucht an immer mehr Orten in der Stadt sichtbar wird. Da es aber für die Betroffenen meistens in irgendeiner Weise unangenehm ist, wenn ihre Armut oder Sucht krude ins Bild genommen wird, habe ich mich gefragt, welche Zeichen dieser Entwicklung ich veröffentlichen kann, ohne diese Menschen etwa durch Bloßstellung zu verletzen. Ich habe deshalb nach Anzeichen Ausschau gehalten, die ich in Wort und Bild wiedergeben kann, ohne Menschen so abbilden zu müssen, dass sie als Einzelpersonen erkennbar sind, die sich in einer schwierigen Lage befinden.

  Ich musste also genauer hinsehen, wo ich solche Anzeichen finden kann. Die Fotos und die dazugehörigen Texte sind der Versuch, diese Feldforschung für die Leserschaft nachvollziebar zu machen. Gleichzeitig sind sie eine Einladung an die Leserinnen und Leser, selbst zu forschen. Wenn es denn unumgänglich war, Menschen abzubilden, habe ich sie so von hinten oder von der Seite fotografiert, dass das Gesicht nicht zu erkennen war. Zusätzlich habe ich die Köpfe noch unkenntlich gemacht.

Bahnhofsvorplatz mit Treffpunkt im Hintergrund im Juli 2013
Bahnhofsvorplatz mit Treffpunkt im Hintergrund im Juli 2013

Wer einmal auf dem zentralen Bus- und Trambahnhof in Bremen gewesen ist, kennt das Wartehäuschen, in dem sich jeden Tag Junkies und Alkoholiker versammeln. Zu diesem Treffpunkt gab es früher bei gutem Wetter eine Alternative für die Leute.

 
Ein Teil des Bahnhofsvorplatzes war eine große, asphaltierte Fläche. Dort gab es abseits der Publikumsströme ein paar Nischen, in denen die Leute Geselligkeit pflegen und gegebenenfalls solange Bier trinken konnten, bis sie vom Mäuerchen kippten.

Haltestelle mit Bankenwerbung am Bahnhofvorplatz,  Februar 2013
Haltestelle mit Bankenwerbung am Bahnhofvorplatz, Februar 2013

Dann begann in Bremen der Bauboom, der immer noch anhält. Dieser Bauboom wurde und wird von werblichem Getöse begleitet.

 
Wie man sieht, tönte im Jahr 2013 diese Begleitmusik sogar von einem Dach eines Wartehäuschens auf dem Bahnhofsvorplatz.
Baustelle auf dem Bahnhofvorplatz im Januar 2016
Baustelle auf dem Bahnhofvorplatz im Januar 2016

Inzwischen ist das Getöse auf dem Bahnhofsvorplatz anderer Natur. Die Bauunternehmen sind zur Tat geschritten.

 
Die asphaltierte Fläche und mit ihr die Nischen für Treffpunktbesucher sind einer Baugrube gewichen.

Vorübergehend stillgelegte Haltestelle Am Dobben/ Ecke Humboldtstr. im März 2016
Vorübergehend stillgelegte Haltestelle Am Dobben/ Ecke Humboldtstr. im März 2016

Auf dem Bahnhofvorplatz mussten die Süchtigen einer Baustelle weichen. An der Kreuzung Humboldtstraße/ Am Dobben war es umgekehrt. Durch eine Baustelle wurde ein Wartehäuschen blockiert und vorübergehend stillgelegt.

 
Der Trinkertreff, der zuvor unter freiem Himmel vor einem Discounter tagte, zog in die nahegelegene, überdachte Haltestelle um. Schnapsfläschchen, Kronkorken, Schraubverschlüsse und Zigarettenstummel sind stumme Zeugen des vergangenen Treibens.

Haltestelle Sielwall, April 2016
Haltestelle Sielwall, April 2016

Bis jetzt habe Sie eingestimmt auf das Thema: Ich habe einige kleine und große Veränderungen im öffentlichen Raum beschrieben, die nicht ohne Einfluß auf das Thema sind. Ich habe angedeutet, wie ich das Problem sichtbar machen könnte, ohne erkennbare Gesichter zeigen zu müssen.
Jetzt komme zum Kern: Diese Haltestelle im Viertel liegt fast unmittelbar an der Drogenszene im 'Viertel'. Mir ist aufgefallen, dass sich im Winter häufiger als früher Leute in dem Häuschen aufhalten und Alkohol trinken.

 
Es sind auch eindeutig mehr Menschen, die sich dort unter diesem Vorzeichen treffen. Sie blicken dabei auf Gäste eines Lokals, die es sich leisten können, sich Essen und Getränke servieren zu lassen.
'Be gentle' fordet die Werbung an der Halte. Wie lange werden die Menschen, die anderen beim Essen zusehen müssen, sanftmütig bleiben? Und: Wie lange werden die Menschen, die anderen beim Trinken zusehen müssen, sanftmütig bleiben?

Bahnhofsstraße, April 2016
Bahnhofsstraße, April 2016

Ich habe noch nie gesehen, dass an dieser Stelle in der Innenstadt ein Bettler sitzt. Wie man sieht, ist es kein ganz junger Mann mehr.

 
Er hat sich darauf eingerichtet, länger an diesem Platz zu bleiben, denn seine Knie ruhen auf einer weiche Unterlage.
Haltestelle an der Kreuzung Bismarkstr./ Stader Str., März 2016
Haltestelle an der Kreuzung Bismarkstr./ Stader Str., März 2016

An dieser Haltestelle nahe der Kreuzung Stader Str./ Bismarkstr. liegen zwei kleine Kräuterschnapsflaschen.

 
Ich wundere mich nicht darüber: Ab und zu treffen sich dort Trinker.

Haltestelle an der Kreuzung Bismarkstr./ Stader Str., April 2016
Haltestelle an der Kreuzung Bismarkstr./ Stader Str., April 2016

An derselben Haltestelle finden wartende Fahrgäste ein paar Tage später vormittags aber schon mehr vor: eine große, leere Wodkaflasche, die Umhüllung einer Sechserpackung Bier,'Sixpack'genannt, und leere Zigarettenschachteln. Ich bin frühmorgens schon dort vorbeigekommen, als es noch dunkel war.

 
Eine junge Frau und zwei etwa gleichaltrige Männer zechten in dem Wartehäuschen. Die junge Frau lief mit einem Pappbecher in der Hand auf mich zu und forderte mich auf: ''Komm, Bruder, trink einen Schluck!'' Ich gestehe, dass ich derartiges an der Stelle bisher nicht erlebt habe.

Haltestelle Benningsenstr., März 2016
Haltestelle Benningsenstr., März 2016

An dieser Haltestelle in meinem Wohnumfeld bin ich vormittags vorbeigekommen. Zwei Männer in bescheidenem Aufzug saßen dort und tranken Bier. Mittags kam ich erneut vorbei.

 
Zwei unscheinbare Kronkorken waren als stumme Zeugen dessen geblieben, was sich dort vormittags abspielte und für mich ein Ereignis war, das ich an der Stelle zum ersten Mal beobachtete.

Nahe 'Bei den drei Pfählen', April 2016
Nahe 'Bei den drei Pfählen', April 2016

Auch dieser Anblick ist wenigstens für mich eine Premiere: Am Rande dieses Platzes in meinem Wohnumfeld saßen bisher alte Menschen, die verschnauften.

 
Auch Mütter mit ihren Kindern habe ich dort gesehen. Dass sich dort auch vormittags Leute niederlassen, um Bier zu trinken, war mir neu.

Vor dem Steintor, April 2016
Vor dem Steintor, April 2016

Auch an diesem Platz, nämlich vor einem Drogeriemarkt im 'Viertel', stand bisher kaum jemand, der mit einem leeren Kaffeebecher in der Hand um Geld bettelte. Wenn man diesem Mann zu nahe kommt, gibt er ein klägliches 'Biiiitte' von sich.

 
Der Bettler steht hier bei gutem Wetter wohl von vormittags bis zum späten Nachmittag. Seine Beine zittern immer wieder, wenn er sein Gewicht von der Krücke nimmt und sich aufrecht auf seine (durch Krankheit?) leicht verdrehten Füsse stellt.

Bahnhofsvorstadt, April 2016
Bahnhofsvorstadt, April 2016

Auch vor dieser Brücke über den Wallgraben stand bisher kaum jemand, der mit einem leeren Kaffeebecher in der Hand aktiv um Geld bettelte. Allerdings saß ein paar Meter entfernt oft stundenlang eine Frau hinter einem Pappbecher und wartete stumm auf Almosen. Auch auf der Brücke selbst sitzen vor dem Geländer fast immer Obdachlose, die ebenfalls stumm auf Almosen warten.

 
Nicht selten haben sie einen Hund als treuen Freund dabei. Den hier abgebildeten Bettler habe ich an einem anderen Tag weiter in Richtung Bahnhof humpeln sehen. Ich hatte den Eindruck, dass er sich einen neuen Standplatz suchte.


Tagebuch: Armut in Bremen (1)

Tagebuch: Armut in Bremen (2)

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Bitte werfen Sie auch einen Blick auf Charlie Dittmeiers Artikel aus dem Jahr 2011 über die Benzin-Verkaufsstände in Kambodscha, an denen es neben anderen Dingen auch Zigaretten geben kann.
 
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Freitag, den 27.5.2016


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