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Nr. 1/2020, Bremen, den 10.1.2020, Nr. 539,   17 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung

Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (4)

        
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ALLTAG IN BREMEN
FOLGE 001-20:
WIEDER BESUCHT: NEUES AUS DEM TOTEN WINKEL (4)




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Ich sagte es schon: Das eigentliche Thema dieser Website ist die Erforschung der Beschaffenheit von Wahrnehmung. Eine wichtige Konstante der Feldforschung in der Großstadt ist, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass das, was man vor zwei Tagen noch wahrgenommen hat, heute noch Bestand vor Auge, Ohr und Nase hat. Also lautet das Motto 'Wieder besuchen!' Unter diesem Motto habe ich angefangen, ein eingezäuntes Fleckchen Erde am Bremer Hauptbahnhof zu erforschen.

  Die bisherigen Ergebnisse sind unter Umbrüche (20), Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (1), Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (2) und Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (3) nachzulesen. Meine erneuter Besuch, den ich im Folgenden in Bild und Wort dokumentiert habe, galten der weiteren Beobachtung der Nutzung dieses ehemals toten Winkels als sogenannter Szenetreff.


16.12.2019, ca. 11:00 Uhr: ein neuer Aushang am Szenetreff

Schon von ferne hatte ich gesehen, dass es am Szenetreff einen neuen Aushang gab. Es wurden neue Öffnungszeiten bekanntgegeben nicht nur für den Szenetreff, sondern auch für einen Wärmebus, der hinter dem Bahnhof auf der Bürgerweide steht. Auffällig ist, dass der Szenetreff, der mit großem Aufwand hergerichtet wurde, im Dezember nur an zwei Tagen in der Woche und dann auch nur für zwei Stunden am frühen Nachmittag geöffnet ist. Ein Wärmebus, der wahrscheinlich eher für wärmebedürftige Obdachlose gedacht ist, steht dagegen drei Stunden vormittags täglich außer am Wochenende hinter dem Bahnhof bereit. Andererseits ist der Szenetreff aber auch ausdrücklich eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Für das neue Jahr wird angekündigt, dass der Szenetreff immerhin auch täglich außer am Wochenende nachmittags für zwei Stunden geöffnet sein wird.
 
Diese Öffnungszeiten werden sicher nicht dazu führen, dass die Süchtigenszene sich vom Bus- und Trambahnhof in den Szenetreff verlagert – wenn dass denn überhaupt das Ziel dieser Einrichtung ist. Das neue Zeitregiment erweckt für mich den Anschein, dass die Obdachlosenszene und die Süchtigenszene etwas von einander getrennt wird – wenn das denn praktisch überhaupt möglich ist. Möglicherweise wird sich die Obdachlosen – und Süchtigenklientel auch auf Szenetreff und Wärmebus verteilen. Meine flüchtige Beobachtung während der letzten Wochen weisen aber eher daraufhin, dass sich ohnehin immer noch viele Abhängige im Bus- und Trambahnhof aufhalten.

16.12.2019 ca. 11:00 Uhr: Schild mit 'Platzordnung' des Szenetreffs

Dieses Schild im Szenetreff hatte ich schon bei meinem kurzen Besuch 25.11. gesehen, aber keine Gelegenheit gefunden, es diskret von außen zu fotografieren. Diese Platzordnung ist ein Verbots- und Warnschild. Verbote und Warnungen werden im Allgemeinen nicht ausgesprochen, wenn die BetreiberInnen einer Einrichtung nicht aus Erfahrung befürchten müssen, dass eben jene Verbote und Warnungen ignoriert werden (können).

Drei der sieben Verbote und Warnungen beziehen sich auf Konsum und Handel mit illegalen Rauschmitteln. Die Platzordnung ist ein direkter Hinweis darauf, dass Süchtige in nennenswertem Maße den Szenetreff nutzen. Das Gebot 'Müll und Spritzen sind in die entsprechenden Behälter zu entsorgen.' steht ein wenig im Widerspruch zum Verbot 'Kein Konsum von illegalen Rauschmitteln.', denn es dürften gar keine Spritzen anfallen, wenn vor Ort keine illegalen Rauschmittel konsumiert würden.

Interne Sanktionen wie Platzverweise seitens der BetreiberInnen werden nicht in Aussicht gestellt, sondern es wird angedroht, bei Regelverstößen unmittelbar die Polizei einzuschalten.

Etwas seltsam wirkt auf mich der Hinweis 'Der Besuch ist nur zu den Öffnungszeiten des Szenetreffs gestattet.' Um die Einrichtung außerhalb der Öffnungszeiten zu besuchen, müßten BesucherInnen über den Zaun klettern.
 
Sie wären dann in einem Bereich hinter Gittern, den sie nur mit der gleichen Mühe verlassen könnten, mit der sie sich Zugang verschafft hätten. Ob der eingezäunte Bereich ein so attraktiver Aufenthaltsort ist, dass man es in Kauf nimmt, ihn so umständlich zu betreten, ist fraglich. Wie weit die Toilette außerhalb der Öffnungszeiten des Szenetreffs zugänglich und – eine naheliegende Vermutung – als illegaler 'Druckraum' benutzt werden kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe lediglich beobachtet, dass die entsprechende Frei/-Besetzt-Lampe an der Toilette immer auf Rot stand,wenn ich außerhalb der Öffnungszeiten dort vorbeikam.

Ein drittes Thema der Platzordnung ist 'Gewalt': 'Keine Belästigung, keine Gewalt, keine Ruhestörung.' 'Kein Mitführen von Waffen.' 'Hundbesitzer*innen haften für ihre Tiere.' Das alles klingt nicht nach einem potentiell gemütlichen Treffpunkt für Menschen, die nicht so ganz in der vermeintlich 'wärmenden' Mitte der Gesellschaft stehen. Aber schon die äußere Anmutung des Treffpunkts ist durch die Vergitterung und Kargheit nicht so recht angetan, dieses Gefühl von 'Gemütlichkeit' aufkommen zu lassen. Es steht dahin, ob der Mensch einen solchen Ort sucht, wenn er 'nur' obdachlos und vielleicht alkoholabhängig, nicht aber süchtig nach harten Drogen wie Heroin ist.

Ich denke, es bleibt spannend, wie sich dieser Platz in Zukunft entwickeln wird.


Vgl. auch:

Umbrüche (20)

Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (1)

Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (2)

Wieder besucht: Neues aus dem toten Winkel (3)


 
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