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Folge 10/2003, Bremen, den 09.02.2003 (Nr. 89)    1 Jahr kleinmexiko.de: Danksagung
Die Folge wird tagebuchartig mit neuen Eintragungen bis Sonntag, den 16.02., fortgeführt!
        
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Darum siehe, Ich, der Herr, will die Seele locken und will sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen sprechen ...
Hosea 2,16

Ein Glas ist da, und ein belegtes Brot ist da, damit mir nicht schlecht wird. Und eine Seele ist da, die noch einen winzigen Spalt zur Umwelt geöffnet ist. Teile mit mir die Tafel, o Herr.
Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki


09.02.2003
Wie Sie wissen, liebe LeserInnen, habe ich mir ein wenig Stille geschaffen: kein Radio und Fernsehen (schon lange nicht mehr), keine Zeitungen (auch nicht im Internet). Stille ist nicht leicht zu schaffen, denn es bleiben noch Stimmen übrig. Ich rede mit mir selber. Die Gedanken werden abgelenkt von Erinnerungen und von der äußeren Welt.
 

 
Dabei wäre Stille so notwendig: Sie ist das Eichmaß, um meine sinnliche Wahrnehmung zu präzisieren. Sie ist Voraussetzung, um meine eigene Seele überhaupt wahrzunehmen. Sie ist ein Garant des Friedens (Wie bitte??). Ja, sie ist ein Garant des Friedens. Es gibt kaum Kriege, die leise geführt werden können. Es gibt kaum PolitikerInnen, die 'ihre' Völker ohne mediales Getöse auf Blutvergießen einstimmen können.
 
Wenn ich Stille zu schätzen gelernt haben werde, werde ich die Töne in meiner Umwelt viel besser unterscheiden können. Wenn ich zu unterscheiden gelernt haben werde, werde ich eher anfangen, mich gegen Mißtöne und belastenden Krach zu wehren (Wie bitte??). Ja, Stille und Sich-Wehren schließen einander nicht aus: Erst wenn ich mir sich ein gewisses Maß an Stille geschaffen haben werde, werde ich die Kräfte meiner Seele zu entdecken und einzuschätzen vermögen, die schöpferischen wie die zerstörerischen.


 
Gibt es schon Ergebnisse?, werden Sie fragen. Ja, es gibt sie. Ich habe bemerkt, dass ich Freude daran, habe auf diesem Wege zum menschlichen Wissensspeicher Internet beizutragen. Das Wissen um diese Freude stärkt die Motivation und verankert sie tiefer in der Seele.
 
Ich nehme genauer wahr. Ich sehe schärfer und eher, welche Gefühle auch andere Menschen bewegen. Das wird mich vielleicht ein wenig rücksichtsvoller und weniger taktlos machen. Vielleicht.
 
10.02.2003
Je mehr ich in der Stille mir ausgesetzt bin, desto so mehr beginne ich mich als Baustelle zu sehen. Freilich gute handwerkliche Arbeit braucht ihre Zeit! So nehmen ich mir erst einmal eine kleine Schwäche vor: meine Ungeduld in einer einzigen, immer wiederkehrenden, relativ banalen Situation. Ich versuche mich also einmal am Tag anders zu verhalten. Manchmal scheitere ich, ein anderes Mal obsiege ich über meine Schwäche. Ich forsche nach dem 'Warum?'.

 
11.02.2003
Meine Ungeduld ist das gierige Etwas-Schnell-Haben-Wollen. Es bricht durch, wenn ich das Gefühl habe, das nicht tun zu können, was ich tun möchte. Vielleicht hilft dann die Rückbesinnung auf das wenige, was ich tun kann.
 
Aber: die Welt lebt vom Haben-Wollen. Ja, sie nötigt den Menschen in diesen Breiten sogar dazu. Im Verbrauchermarkt empfinde ich die Musikberieselung, die das Haben-Wollen erst recht von der Kette läßt, inzwischen als Angriff auf meine Konzentrationfähigkeit.
 

 
12.02.2003
Ich beginne mehr darauf zu achten, wieviel Kraft ich habe. Ich renne nicht mehr von einer Aufgabe zur anderen. Ich lege kleine, kurze Erholungspausen am Tag ein.
Ähnlich gehe ich mit der Zeit um: Ich schaue nicht mehr im Internet nach, wenn ich nicht weiß, wann der Bus oder die Straßenbahn fährt. Ich gehe einfach ein wenig eher los, verschaffe mir Spiel. Ich beginne, auch mit dem Nicht-Vorher-Gesehenen zu rechnen.
 
13.02.2003
Der Lärm der Welt drückt auf die Brust. Stille bedeutet für mich Atem-Holen-Können und Ausatmen-Können. Weil frühmorgens die Stille am schönsten ist, stehe ich inzwischen meistens zu der Zeit auf, da die Brüdermönche der Kartäuser ihren Tag beginnen.
In der frühmorgendlichen Stille bekomme ich eine Ahnung davon, dass ich eine flüchtige Seele habe. 'Anima' hieß bei den Römern 'Wind, Luftzug, Hauch, Atem, Seele, Leben, Blut, Schatten (der Verstorbenen), Geist, Denkkraft'.

 
14.02.2003
Ich muss den Tag, der immer reich an Aufgaben ist, nicht aus dem vollen Lauf beginnen. Ich habe Zeit zu bedenken, was ich wie tun will. In der Ruhe drängt sich mir die Frage auf, ob meine Arbeit beseelt ist. Die Frage ist beängstigend, weil sie Werte in den Mittelpunkt rückt, die nicht unbedingt marktgängig sind.
 
Marktgängig ist der Erfolg als äußere, materielle Anerkennung. Marktgängig ist Erfolg als Aufhäufen von Taten. Weniger marktgängig ist die Frage, ob die Arbeit auch insofern ein Erfolg ist,dass sie von schöpferischen Kräften und Motiven getragen wird: Hat die Arbeit auch einen lebendigen Charakter und eine lebensspendende Qualität?

15.02.03
Die morgendliche Stille macht mich bescheiden. Ich spüre sehr genau, dass ich ein einzelner, schwacher Mensch bin, ein Hauch eben nur.



Diese Gewißheit schützt vor Selbstüberforderung und schlechtem Gewissen. Sie verschafft mir ein Stück innerer Ruhe. Ich kann sagen: 'Das kann ich leisten, jenes nicht.' Gleichzeitig weist sie mich zurück auf die menschliche Gemeinschaft, deren ich bedarf, um überhaupt wirksam sein zu können.


Ohne Nachrichten (1)

Ohne Nachrichten (2)

Ohne Nachrichten (3)

Ohne Nachrichten (4)

Ohne Nachrichten (5)

Ohne Nachrichten (6)

Ohne Nachrichten (8)

Ohne Nachrichten (9)

Ohne Nachrichten (10)

Ohne Nachrichten (11)

Ohne Nachrichten (12)

Ohne Nachrichten (13)

Ohne Nachrichten (14)

Ohne Nachrichten (15)

Ohne Nachrichten (16)

Ohne Nachrichten? (17)



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Sonntag, den 16.02.2003


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