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Folge 37b/2004, Bremen, den 11.11.2004 (Nr.169)   2 Jahre kleinmexiko.de: Danksagung
English summary   Wg. techn. Probleme nächste Folge Samstag, den 27.11.   !!Neu!! Heft 4
        
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Wer fragt, führt.
Managerweisheit

Wer viel fragt, kriegt viel Antworten.
Arbeiterweisheit

11.11.2004
Zu was haben sich die Herren entschlossen? Sie haben sich entschlossen, Ihnen ein Angebot zu machen. Der Begriff 'Angebot' bedeutet in der Umgangssprache zunächst , dass der Anbieter eine Dienstleistung oder eine Ware auf einen - wie auch immer beschaffenen - Markt trägt, auf dem ein 'Kunde' die Wahl hat, sich für dieses Angebot zu entscheiden oder nicht und ggf. einen geforderten Preis zu zahlen oder nicht.
 
Es gibt auch kostenlose Angebote, zum Beispiel kostenlose Konzertveranstaltungen an der Hochschule für Musik in Bremen. Angebote gibt es aber auch im weiteren und engeren Sinne von Friedensangebot bei Auseinandersetzungen aller Art. Bei Friedensangeboten erklärt sich eine Srtreitpartei bereit, bestimmte Bedingungen zu erfüllen, die von der Gegenseite gefordert werden.
 

 
Für das Angebot, von dem hier die Rede ist, muß derjenige, der es in Anspruch nimmt, nichts bezahlen. Der Inhalt des Angebotes ist, dass die beiden Parteimitglieder sich bereit erklären, mit den Gästen der Veranstaltung über bestimmte Teile der Politik ihrer Partei zu reden. Diese Bereitschaft zum Dialog mit Teilen des sogenannten Souveräns (sprich Volk) bedurfte eines vorherigen 'freien' Entschlusses. Die Bereitschaft zur Rede und zum Anhören der Gegenrede wird über die Bezeichnung 'Angebot' zu einer ausdrücklichen (Dienst-)Leistung aus freiem Willen erhoben, die die Politiker hier auf den 'politischen Markt' tragen. Darin schlägt sich vielleicht auch das (Unter-)Bewußtsein der Anbieter nieder, dass diese Form des Dialogs mit dem 'Souverän' außerhalb von Wahlkämpfen etwas Besonderes ist.
 
Gleichzeitig werden Kollegen, die in der Beratung Betroffener tätig sind, Ihnen im Hinblick auf ganz konkrete Fragen Tipps geben können.
Die Anknüpfung mit gleichzeitig ist etwas mißverständlich. Heißt das, dass während der Diskussion über besagte politische Fragen auch Antworten auf ganz konkrete Fragen gegeben werden? Oder heißt das, dass im Rahmen der Veranstaltung auch irgendwann diese Tipps gegeben werden? Jedenfalls kommen diese Tipps von Kollegen.
 
'Kollege' ist laut Fremdwörterduden zunächst eigentlich gemäß der lateinischen Bedeutung 'Mitabgeordneter', dann aber 1. a) jmd., der mit anderen im gleichen Betrieb od. im gleichen Beruf tätig ist; b) Mitarbeiter. 2. umgangssprachlich: Kamerad. 3. (DDR) Genosse, Werktätiger. Dem bleibt hinzuzufügen, dass unter Kollege im Gewerkschaftsjargon auch 'Mit-Gewerkschaftsmitglied' verstanden wird. Wessen Kollegen hier aktiv werden, bleibt gänzlich unklar.
 
Jedenfalls sind die Kollegen beruflich in der Beratung Betroffener tätig. Welche Beratung bei welcher Institution das ist, wird nicht gesagt. Jedenfalls können sie - behauptet der Brief - im Hinblick auf ganz konkrete Fragen Tipps geben.
Nicht weiter erläutert ist der Begriff Betroffener. Das ist offenbar ein Wesen, das auf Beratung angewiesen ist. Offen bleibt, ob der Industrielle, der das Gesetzespaket mit erdacht hat, auch ein Betroffener ist. Jedenfalls ist nicht davon die Rede, dass er auf Beratung angewiesen war/ ist. Er hat wohl nur beraten, nämlich die verantwortlichen Politiker. Aber seine Interessen oder die seiner sozialen Umgebung sind vielleicht in dem Gesetzespaket mit berücksichtigt worden. Und haben die Betroffenen auch jemanden beraten? Und sind die Interessen der Betroffenen in dem Gesetzespaket auch berücksichtigt worden? Sind die Kollegen auch betroffen, obwohl sie beraten und nicht beraten werden? Oder werden sie auch beraten? Und wenn ja, von wem?
 
Jetzt folgt eine Liste möglicher Fragen:

Ist (es folgt die Kurzbezeichnung des Gesetzespaketes) sozial gerecht?
Das ist eine Frage, die ein Betroffener kaum so stellen würde. Jemand, an dessen Sozialleistungen harte Einschnitte vorgenommen werden, wird das normalerweise glatt und ohne Selbstzweifel als ungerecht bezeichnen. Die Fragestellung eröffnet die Möglichkeit, Argumente zu nennen, warum diese harten Einschnitte vielleicht doch sozial gerecht sein könnten. Die erste Frage des Katalogs ist also eine eher rhethorische Frage, die den Parteivertretern und Gleichgesinnten die Möglichkeit gibt, ihre Sicht der Dinge zu veröffentlichen.
 
Diese 'Leitfrage' führt über den Begriff der Gerechtigkeit zu einer Vielzahl weiterer moralischer und rechtlicher Fragen, über die man ausufernd diskutieren kann. Und solche zwangsläufig ausufernden Diskussionen kann man auch nach einer gewissen Zeit mit Verweis auf ihre mangelnde Konkretheit beeenden.
 

 
Es wäre aber auch eine Leitfrage möglich gewesen, die vielleicht schneller zu weniger strittigen Fakten geführt hätte, z.B. 'Wer profitiert finanziell von den Reformen?' oder 'Wessen Interessen werden wie berücksichtigt?' Für Antworten auf die letzte Frage gibt die Bezeichnung des Gesetzespaketes schon ein Indiz. Es ist - nomen est omen - nach einem seiner Schöpfer, nämlich einem Vertreter der Großindustrie, benannt.
 
Warum nimmt gerade die (es folgt der Name der Partei) derartige Einschnitte vor?
Diese Frage könnten sich Bürger angesichts des Begriffes 'sozial' im Namen der Partei vielleicht stellen. Die Frage ist aber auch eine gute Möglichkeit für die Parteivertreter, die Politik ihrer Partei darzustellen und zu rechtfertigen.Und ein wenig Selbstdarstellung könnte auch noch dabei herausspringen.
 
Was für Möglichkeiten von Beschäftigung und Qualifizierung gibt es künftig?
Das ist eine Frage, die eher schon jenseits irgendwelcher moralischen Grundsatzdiskussionen für Betroffene konkret (im Sinne der Verfasser des Briefes) ist.
 
Die Fotos zeigen das Gehäuse eines stillgelegten Automaten für Zeitungsverkauf. Das Foto wurde nach und nach mehr verfremdet.
 
Wozu gibt es so viele Ein-Euro-Jobs?
Das Fragewort wozu deutet einmal in die Richtung 'politische Legitimation': Welche politischen und ökonomischen Gründe gibt dafür, solche Jobs massenhaft einzurichten? Auf der anderen Seite wird man auch auf die Vorteile zu sprechen kommen müssen, die diese Jobs wirklich oder angeblich für die Betroffenen haben. Und möglicherweise kann man dann noch mal die Frage stellen, wer denn eigentlich alles Betroffener ist.
 
Wie viel Arbeitslosengeld bekomme ich, wenn ich arbeitslos werde?
Hier wird eine Frage in der Ich-Form, d.h. wie aus dem Munde eines Betroffenen kommend formuliert. Ob eine solche Frage wirklich in der Öffentlichkeit einer solchen Versammlung geklärt werden kann, steht dahin, weil die Berechung von Arbeitslosengeld keine Milchmädchenrechnung ist. Ob mit der abstrakten Schilderung des Berechnungsweges dem/ der Betroffenen gedient ist, mag jede(r) für sich selbst entscheiden. Und ob jede(r) öffentlich sein/ ihr letztes Gehalt preisgibt, kann auch nicht als sicher angenommen werden.
 
Was wird aus meiner Lebensversicherung?
Im fiktiven Betroffenen-O-Ton wird hier nach einer Materie gefragt, die man kaum ohne Einsicht in die entsprechenden Versicherungsunterlagen wird beantworten können. Manch eine(r) hat eine private Rentenversicherung abgeschlossen und bezeichnet sie vielleicht salopp als Lebensversicherung. Und schon redet man von zwei verschiedenen Dingen. Dann wird zu klären sein, wieviel Vermögen diese Versicherung darstellt, insbesondere dann, wenn man sie verwertet. Diese Vermögensfrage kann man letztlich erstmal nur mit der Versicherung klären. Und: Wer redet darüber schon gerne öffentlich über sein Vermögen?
 

 
Ändert sich die Wohnsituation für mich, aber auch für andere Menschen in der Stadt?
Diese Frage - wieder im fiktiven Betroffenen-O-Ton - bezieht sich vermutlich auf neue (?) gesetzliche Regelungen, welcher Wohnraum für Empfänger von Sozialleistungen angemessen sein soll und durch staatliche Zuschüsse finanziert wird.
 
Diese und viele andere Fragen möchten wir gerne mit Ihnen besprechen. Dazu möchten wir Sie herzlich einladen: (es folgt der Veranstaltungsort und die Zeit)
Bei den Beispielfragen überwiegen deutlich die von den Verfassern die als ganz konkret klassifizierten Fragen, die sich ergeben, wenn man die Probleme der Reform auf die Probleme der einzelnen Betroffenen (nach Definition der Verfasser!!). Die Fragen zur Legitimität der Reform sind in der Minderzahl. Sie eher aus der Perspektive der Partei als aus der Perspektive der Betroffenen (nach Definition der Verfasser!!) formuliert. Freundliche Grüße
gez.
(!!!!, es folgen die Namen der Verfasser)
 
Generell fällt mir auf, dass die Verfasser zum Teil umständliche und wenig aussagekräftige Floskeln verwenden wie in diesem Zusammenhang, in Bezug auf, im Hinblick auf. Sie benutzen gelegentlich Konstruktionen aus Hauptwörtern für Aussagen, die auch mit einem schlichten Tätigkeits- oder Eigenschaftswort gemacht werden könnten: Fragen ... sind für viele Menschen von Bedeutung könnte auch heißen 'Fragen sind ... wichtig/ Fragen bewegen die Menschen'. Und die Kollegen, die beruflich in der Beratung Betroffener tätig sind, sind 'Kollegen, die in Beratungsstellen für Betroffene arbeiten'.
 
Durch diese gelegentlichen Anleihen an den Behörden- und Kommuniqué-Stil bekommt der Text eine Färbung, die eine gewisse Distanz zwischen Absender und Adressaten erzeugt. Diese Töne stehen dann in seltsamem Kontrast zu der vertraulicheren Note, die etwa über die Anrede Liebe und den fiktiven Betroffenen-O-Ton erzeugt wird.
 

English summary:
For nine months I am living without news now (see: col 'Without news 12'). In Germany there will be cutbacks in the social wellfare system. Now I've got a letter from the local organisation of the party, which has voted for the cutbacks. The politicians invite to a forum about this cutbacks. The letter is partially written in officialese and partially written as a private letter. One may suspect, that the forum also is an opportunity for the politicians to defend the cutbacks. After the discussion experts on social affairs will give affected unemployed people some advices.

 
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vgl. auch:

Entgrenzung des Begriffs 'Unmenschlichkeitkatastrophe' bezogen auf Hartz IV - Gesetze

Ohne Nachrichten (1)

Ohne Nachrichten (2)

Ohne Nachrichten (3)

Ohne Nachrichten (4)

Ohne Nachrichten (5)

Ohne Nachrichten (6)

Ohne Nachrichten (7)

Ohne Nachrichten (8)

Ohne Nachrichten (9)

Ohne Nachrichten (10)

Ohne Nachrichten (11)

Ohne Nachrichten (12)

Ohne Nachrichten (13)

Ohne Nachrichten (14)

Ohne Nachrichten (15)

Ohne Nachrichten? (17)


Nächste Folge 'Alltag in Bremen':
Freitag, den 26.11.2004


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